Seit ich Großstadtpflanze am Kanal wohne, gilt meine Neugier
allem, was da kreucht, und besonders, was da fleucht. Vögel zu
beobachten, ist spannend und macht mir ausgesprochen Freude. Umgekehrt
scheint da auch so etwas wie Sympathie zu sein. Denn zum dritten Mal
in Folge hat ein Schwalbenpaar sein Nest auf dem Dachbalken neben
meiner Haustür gebaut, zugegebenermaßen in diesem Jahr
nicht sehr ordentlich. Das Schwalbenpaar flog tagelang über meinen
Garten zum Kanal und zurück, bevor es endlich anfing, das Haus
für seine Nachkommenschaft zu bauen, und dann ging alles blitzschnell
und eben etwas sehr nachlässig, so dass der ein oder andere Jungvogel
schon mal aus dem Nest fiel und von Menschenhand wieder hineingesetzt
werden musste. Mutter und Vater schafften unermüdlich Nahrung
heran, um das Kleinvieh groß zu ziehen. Dann begannen die Flugstunden
– auch nicht so wie sonst. Im vergangenen Jahr saßen die
Jungen nebeneinander aufgereiht auf dem Zaun, warteten auf das Startzeichen
der Eltern, und dann ging es los – ab in die Lüfte. Dieses
Mal klappte fast gar nichts. Es gab Einzelstunden. Die eine Jungschwalbe
saß auf dem Schuppen, die andere auf dem Rasen, die anderen
beiden auf dem Schmet¬terlingsflieder, wo sie sogar übernachtet
haben, weil am Abend der Start von den wippenden Zweigen des Strauches
einfach nicht klappen wollte. Mutter und Vater Schwalbe gaben ihr
Bestes, und sie haben es geschafft, alle ihre Kinder in die Welt am
und über dem Kanal zu entlassen.
Marianne
Käver