entschuldigen,
das ich sie nicht wiedererkannte • Die Entschuldigung nahm sie
an und vielleicht, ganz bestimmt sogar, bemerkte sie meine Verwirrung
und. ein wenig peinlich war es mir schon, aber ich erkannte sie einfach
nicht auf Anhieb, was ist schon dabei. Als ich es dann wusste, blieb
mir nichts anderes übrig, als ihr in meiner derzeitigen Verwirrung,
einen recht angenehmen Tag zu wünschen, was sie freundlicher
weise erwiderte und es mir nicht sonderlich übelnahm, denn wüsste
sie am meinen derzeitigen Gefühls und Gemütszustand, ich
bin mir sicher, das sie mich verstanden hätte und wer mir meine
derzeitige, ins Gesicht geschriebene Verwirrung nichts ansieht, der
ist selber schuld. Abgesehen davon, halte ich sie nicht für so
oberflächlich, als das sie es mir nicht gleich auf Anhieb anmerkte,
das mit mir etwas nicht ganz in Ordnung sei, im Vergleich zu den beiden
anderen Begegnungen, bei denen ich nicht ganz so verwirrt und völlig
durch den Wind war, wie ich es jetzt schon seit mehreren Tagen bin
Siebzehntes Kapitel Wieder zurück zu ihr, zu wem sonst? Ich nannte
sie so, wie sie vor mir noch niemand genannt hatte, nämlich meine
Mäuseschwänzchen, worüber sie ein wenig schmunzeln
mußte, aber es gefiel ihr anscheinend und ging ihr nicht gegen
den Strich, das ich sie so nannte, schimpfte, betitelte, ganz im Gegenteil
sogar, sie war höchst erfreut darüber, oder stimmt es nicht?
Nein, sie wird mich schon nicht aus den Augen lassen, in den Gewimmel
von Menschen, in dem man sich doch, ehe man sich umgesehen hat, doch
verlieren kann und dann bin ich wirklich schlecht dran, denn außer
ihr, kenne ich ja keine Menschenseele und meine ganzen Sachen befinden
sich dann bei ihr und ich müsste wahrscheinlich, bis zum Ende
der Veranstaltung warten und darauf hoffen, das sie mich irgendwann
doch abholt und sich an mich entsinnt, das da doch noch jemand war,
mit dem sie gemeinsam zu diesem Festival gefahren ist. Doch da sie
mich nicht aus den Augen lassen will, um mich eben nicht zu verlieren,
kann ich wohl diesbezüglich beruhigt sein und auch ich werde
sie nicht aus den Augen lassen und mir mit ihr gemeinsam Bands anhören,
die meinem Musikgeschmack nicht ganz entsprechen, wie auch sie an
meiner Seite bleiben möchte, um sich beispielsweise Type Negative
anzuhören, die nun wiederum ihrem Musikgeschmack nicht ganz so
entsprechen und wie schön sie das gesagt hat, sie werde schon
beständig an meiner Seite bleiben, das wir uns eben nicht verlieren,
um später gemeinsam, den Weg ins Zelt zurück zu finden.
Oh wie schön, das sie meinen zweiten Brief leichter, besser,
einfacher verstand, als den
ersten den ich ihr schrieb, was in meinen Augen kein schlechtes Zeichen
ist, das sie mich jetzt versteht und ich kann es mir hoffen, dementsprechend
ihre Antwort ausfällt, und ich durchaus positiv und nicht das
Gegenteil von dem. Warum sie sich gestern nicht gemeldet hat, das
wollte sie mir nicht sagen, nur das eben irgend etwas dazwischen gekommen
sei und sie für jemanden da sein musste, oder was auch immer,
sie verriet und wollte es mir nicht verraten und ich fragte auch gar
nicht danach, damit sie ja nicht denkt, ich mache mir Sorgen, oder
sei gegebenenfalls sogar, bereits jetzt schon, ein wenig eifersüchtig,
na und ich bin es, wen kümmert das schon. Sie verstand mich also
und meine Befürchtungen, Ängste von ihr zerbrochen zu werden
und ich bete, richte mein Gebet gen Himmel, das sie nicht vorhat,
mich zu zerbrechen, wenigstens nicht vollständig. Alle meinen
Gedanken drehen sich nur noch um sie und ich kann nichts dagegen tun,
bin ihr machtlos ausgeliefert, auf Gedeih und Verderb! Hübsch
sei sie schon, meinte der gute Freund, jedoch keineswegs zu hübsch
für meine Wenigkeit, so wenigstens urteilte er, was nichts weiter
zu bedeuten hat, denn schließlich entscheidet sie darüber,
nachdem wir etwas mehr als eine Woche miteinander verbracht haben,
oder lässt sie mich ziehen, ohne mich wissen zu. lassen, ob wir
uns jemals wiedersehen werden? Ihre Entscheidung wird sie schon frühzeitig
genug treffen und sie ist sich jetzt, allem Anschein nach bewusst,
wessen Leben hier auf dem Spiel steht und das es jetzt längst
kein Spiel mehr ist, was hier gespielt wird. Ihr Brief, sobald er
mich erreicht hat, wird mir die gehörige Klarheit bringen und
mich womöglich dazu bewegen, sie doch nicht wiederzusehen, es
sei denn, sie wünscht es sich ausdrücklich, das wir uns
unbedingt sehen müssen, ganz gleich, was geschieht. Ich hab sie
so lieb, obwohl wir uns so viele Jahre nicht gesehen haben und in
ihrer Stimme, lag gestern etwas leicht merkwürdiges, wenn ich
nur wüte was und mich zu der Vermutung nötigte, das hier
irgend etwas nicht stimmt, entweder mit ihr, oder dem Umstand in dem
sie sich befand und mich aufgrund dessen nicht noch einmal anrief.
Mein Standpunkt dürfte ihr längst klar sein und jetzt vielleicht,
ganz bestimmt sogar, ist es ihr noch ein wenig mehr bewusst geworden
und entweder wird sie demzufolge jetzt ein wenig vorsichtiger, oder
geht ab sofort noch ein wenig energischer vor. Nein, nein, nein, was
sie angerichtet hat, das ist vor ihr noch keiner Menschenseele gelungen
und daran hat sie im Traum nicht gedacht, das es soweit kommen würde,
wie es eben jetzt komischerweise gekommen ist und
es bleibt jetzt nunmehr abzuwarten, ob sie weiterhin so energisch
bei der Sache bleibt und ich kann nur, voller Sehnsucht und Ungeduld
auf ihren, hoffentlich bald. eintreffenden Brief warten, der, ach
ich Ahne es bereits, alle Träume auslöscht und wie ein Windzug
wegweht, ein für allemal.
Achtzehntes Kapitel Erneute Begegnung mit der kleinen Kollegin. Wenige
Schritte lief sie Vor mir, die kleine Journalistin, der ich heute,
zum wer weiß wievielten Male begegnet bin und sehr zu meiner
Überraschung, setzte sie sich ganz unvermittelt neben mich und
redete etwas später sogar mit mir, wie schlecht die Welt doch
ist und wo das noch alles hinführen soll, wie es in zwanzig Jahren
ausschauen wird. Welch schöne, völlig unerwartete Überraschung,
dass wir einer Meinung waren und alles hätte ich erwartet, nur
eben dies nicht. So, so, als Volontärin arbeitet sie also und
ist noch gar keine freiberufliche Journalistin, wie ich vermutete.
Zum Lachen ist mir noch immer nicht sonderlich zumute, aber schön,
das sie sich wenigstens amüsieren konnte, als ich ihr sagte,
das ich dabei sei mir das Rauchen abzugewöhnen und es muss also
so geklungen haben, als würde es nicht von langer Dauer sein—
doch diesmal wird es das sein. Somit widerstand ich der mir angebotenen
Zigarette und nahm lieber eine kleine Prise Schnupftabak, als sie
herumgeführt worden ist und stellte mich dann ein paar Minuten,
in Gedanken versunken ans Wasser, starrte hinein und wen wünschte
ich mir in diesem Augenblick zu mir? Was sie nicht alles wissen wollte,
woher ich ursprünglich stamme, wie und ob ich von dem, was ich
als frei berufliche Redaktionskraft verdiene, leben kenne und aus
ihren Worten vernahm ich, das sie nichts gegen Arbeitslose hatte,
verschwieg es ihr aber dennoch, oder besser log, denn ich sagte ihr,
das es geradeso ausreiche und meine Ansprüche sehr geringer Natur
seien immer mal wieder schaute sie mir in die Augen und umgekehrt,
was sich auf die Entfernung, ja auch gar nicht vermeiden ließ,
kaum eine Armlänge trennte uns voneinander und erst waren wir
beide ziemlich schweigsam, was man anscheinend. von Journalisten nun
gar nicht gewohnt ist und es dauerte nicht lange und die Barriere
war überwunden, denn wir hatten uns komischerweise etwas zu sagen,
teilten eine Meinung, was mich dann doch sehr erstaunte. Über
mögliche, oder unmögliche Gesellschaftsformen sprachen wir,
über eine Revolution, die sicher solange nicht mehr auf sich
warten lässt und die mögliche Barbarei, die daraufhin vielleicht
folgt und in spätestens zwanzig Jahren, dürfte es wohl soweit
sein meinte sie.
ihre schwarzseherischen Zukunftsaussichten gefielen mir, ja, imponierten
mir fast und nun wunderte er sich, das wir uns so angeregt unterhielten,
über die Radtour, die wir gemeinsam mitgemacht haben, mitmachen
mussten und so weiter und so weiter. Ansonsten sprach ich sonst kein
Wort, sondern hörte den Verantwortlichen zu, die sich dann mal
nach einer halben Stunde eingefunden haben, machte mir meine Notizen
und. unterließ es, irgendwelche Fragen zu stellen, Was ich sehr
entzückend von ihr fand, das sie mich ihre Presseinformation
lesen ließ und ich mir ein paar Stichpunkte machen durfte und
alles in allem, war und fand. ich sie ziemlich charmant, ganz natürlich
und mit melancholischen Aussichten auf die Zukunft. Weiter verwirrt
hat mich ein anderes Frauenzimmer, die gemeinsam mit den Fraktionsabgeordneten
eintrudelte und mich permanent, na ja, nicht permanent, aber doch
sehr häufig anstarrte und sogar ein Foto von mir machte, von
allen aber, die in der Gesprächsrunde saßen und da ich
da so meine Eigenart habe und ich es nicht rechtzeitig mitbekam, ist
es ihr wahrscheinlich auch gelungen mich abzulichten. Etwas später
war sie wieder damit beschäftigt Fotos zu machen, die ihr sicher
auch gelungen sind, nur bin ich auf keinem der Bilder zu sehen, da
ich immer bemüht war mich aus ihrem Sichtfeld zu entfernen. Ebenfalls
nicht unattraktiv, das kann ich wohl so sagen, aber da ich im Moment,
den Kopf mehr als voll habe, sie können sich nicht vorstellen,
wie viel Mühe ich mir geben musste, mich ein wenig zu. konzentrieren
und einen halbwegs vernünftigen Artikel daraus zu basteln und
wenn man nur eines im Kopf hat, wie schwer fällt es da sich halbwegs
zu konzentrieren. Noch immer bin ich so geistesabwesend, wie ich es
seit dem ersten Tag war, als sie sich bei mir meldete und in mein
Leben trat und sicher bald wieder verschwinden wird, genauso schnell,
wie sie angeschneit kam. Keine Auskunft über ihr Befinden, keine
Antwort, ob es ihr besser gehe wie mir. Und was kümmerte es mich,
ob mein Artikel zum Sozialforum zur Zufriedenheit war, was man. mich
so ganz nebenbei wissen ließ, dass der Artikel ganz gut gelungen
sei und das Sozialforum ziemlich gut ankam. Sie denkt gar nicht daran
sich bei mir zu melden. Doch macht sie, aber wann hat sie mir nicht
geschrieben und gestern ging es wirklich nicht, denn erstens ist sie
später heimgekommen und ihr Junge ist auch noch krank geworden
und und und, doch sie versprach mich anzuru.fen.
Neunzehntes Kapitel Zur Blutentnahme überredet. Meiner Dermatologin
ist es doch nun tatsächlich gelungen, mich davon zu überzeugen,
das
eine Blutentnahme eventuell Aufschluss geben könne, ob etwas
mit meiner Schilddrüse nicht in Ordnung sei, oder was man eben
noch anhand des Blutes so alles feststellen kann. Allerdings konnte
sie mich nur davon überzeugen, wenn mir die Salbe ausgehändigt
wird, die eine Stunde vorher aufzutragen ist und die Oberfläche
betäubt und ich bestand darauf, das sie mir das Blut abnimmt
und nicht irgendeine von den dort beschäftigten Schwestern. Schon
bei dem Gedanken daran, bekam ich schweißnasse Hände, als
stünde die Blutentnahme bereits heute an, so sehr fürchte,
ängstige ich mich davor und kann gar nicht beschreiben, wie mir
vor diesem Tag graut. Aber ich will ja diesbezüglich selber Gewissheit,
also muss ich dies wohl oder Übel, über mich ergehen lassen
und die ganze Paste ordentlich dick auftragen, ein Pflaster darüber,
das ich von dem Einstich ja nichts, oder nur wenig verspüre.
Und ich kann doch nun auch nichts dafür, das ich mich so dermaßen,
krankhaft vor einer Injektion fürchte, für die ich mich
wohl auch nicht schämen muss. Sie kam zu der Feststellung, das
es bei mir ziemlich hartnäckig sei und man müsse eben jetzt
das Ergebnis der Blutuntersuchung abwarten und entweder muss ich mich
in einer Hautklinik in der Siebentürme Stadt vorstellen, oder
mich gegebenenfalls damit abfinden. Bis dahin gab sie mir aber erneut
eine Salbe mit und vielleicht hilft diese ja besser. Die wahre Ursache
herauszufinden, das jedenfalls dürfte schwierig werden und sie
vermutet eigentlich auch nicht, das irgend etwas mit meiner Schilddrüse
nicht in Ordnung ist. Wenn es nur an den Beinen wäre, wie wenig
würde es mich da stören, aber gerade auf dem Schädel,
das ist wirklich eine Sache für sich.
Zwanzigstes Kapitel Journalistische Freiheit. Die hätte ich und
soll ich mir auch herausnehmen und möglichst nah genug an die
Leute, die es zu fotografieren gilt herantreten und wäre ich
an diesem besagten Abend, nicht so dermaßen verwirrt gewesen,
ich wäre aufgestanden und es wäre mir dann sicher auch gelungen,
ein brauchbares Foto zu machen, da sie mir jedoch gänzlich alle
Sinne verwirrt hat, war an ein Bemühen überhaupt nicht zu
denken, da ich an nichts anderes dachte, als an ihre Stimme und ihren
Anruf. Und wenn mein Redakteur wüsste, weshalb es mit dem obligatorischen
Foto nicht geklappt hat, er würde wohl ein Einsehen gehabt, gezeigt
haben, aber nun bin ich schon wieder ein klein wenig gefasster ‚
jedoch nicht weniger ‚ verschroben. Gut ‚ ich darf also
morgen zu der schaurigen Lesung und da ich von der Presse bin, habe
ich einige Freiheiten, die ich mir herausnehmen kann und die
Leute wissen das schließlich auch und wollen ja fotografiert
werden und es liegt ja auch an meiner Menschenscheu, das ich lieber
ein wenig Abstand wahre und mich lieber ein wenig im Hintergrund halte,
was hier natürlich eher von Nachteil ist. So das ich mich, je
nachdem, wie das heutige Telefonat mit ihr verläuft, falls sie
überhaupt anruft, mich morgen, wenn es verlangt wird, ein wenig
mehr um ein vernünftiges Foto bemühen. Das heißt.
also auch, das ich vorerst nicht mit einem Brief von ihr rechnen kann,
jetzt wo ihr Junge krank ist, oder findet sie am Abend vielleicht
doch ein wenig Ruhe mir zu. schreiben? Es ist nicht sicher, ob sie
wirklich anruft und wenn, dann wohl erst ein wenig später am
Abend, wenn sie ihn ins Bett gebracht hat und bin schon sehr gespannt,
auf die Neuigkeiten, die sie mir möglicherweise unterbreitet.
Denn so langsam müsste man sich wirklich einmal darüber
Gedanken machen, wie es sich mit den Eintrittskarten verhält,
oder steht es für sie bereits nun endgültig fest, das ich
sie besuche und wir zu diesem Festival gehen? Das junge Fräulein
übrigens behielt vollkommen recht, denn nur einen Tag schaffte
ich es mit dem Rauchen vollständig aufzuhören, na ja, vielleicht
klappt es beim dritten Anlauf, wenn dieses Päckchen Tabak verraucht
worden ist. Entsetzlich ist das, wenn man so sehnsüchtig auf
einen Anruf wartet, wobei die Minuten vergehen, wie als wären
es Stunden und es ist gerade einmal sieben Uhr am frühen Abend,
das heißt noch eine halbe Ewigkeit, bis sie vielleicht anruft.
Na, und endlich bekomme ich gleich am Anfang der Woche, die erforderlichen
Informationen und Fotos, der türkischen Folklore Tanzgruppe überreicht,
das Drama hierbei ist jetzt nur, das sie wahrscheinlich nur einen
einzigen Auftritt haben werden, aber immerhin besser, wie gar kein
Auftritt. Und somit wieder ein bisschen Arbeit, Ablenkung für
mich, da ich mich ja dann an die Ausarbeitung machen muss, damit es
Platz in dem Programmheft findet und wenn alles gut geht, erscheint
sogar der Name meiner Wenigkeit irgendwo in diesem Heft.
Einundzwanzigstes Kapitel Was sie nun wieder wollte. Weshalb mich
die Mutter anrief, das weiß ich erstrecht nicht und ohne nach
meinem derzeitigen, verwirrenden Zustand zu fragen, erzählte
sie mir von Dingen, die ich nicht hören wollte ‚ oder die
mich schlichtweg überhaupt nicht kümmern, so das ich sie
in meiner inneren Erregung fragte, was sie mir da eigentlich erzähle.
Da sie das nicht ganz verstand, fragte sie mich, ob ich keine Zeit
hatte und kurz angebunden sei. Weder das eine noch das andere, aber
im Moment ist mir nach solchen komischen Gesprächen
Überhaupt nicht zumute und ich wollte nur wissen, ob das Zelt
vielleicht nun doch irgendwo aufgetaucht ist. Kurz darauf tat es mir
schon wieder ein ganz klein wenig leid, aber aufgrund dessen was sie
sagte, bestand für mich nicht der geringste Anlass mich anzurufen,
denn das alles interessiert mich Momentan überhaupt nicht und
wenn sie sich einmal danach erkundigt bitte, würde sie meine
leichte Gereiztheit ganz gut verstehen, außerdem konnte sie
jeden Moment anrufen, das heißt, sie blockierte die Leitung
und es kam ja schon vor, das sie am Tag bereits schon einmal anrief
und da sie mich nicht wissen ließ, wann sie vorhat mich anzurufen,
erwartete ich ihren Anruf jederzeit. Also keine Behausung in Form
eines Zeltes, wobei ich mich jetzt nur frage, wo dieses abgeblieben
ist, was im Grunde eigentlich egal ist und sie sich dann darum wird
kümmern müssen, —sagte sie ja auch, das sie bestimmt
eines aufgetrieben bekommt, falls es überhaupt dazu kommt, oder
steht es nun nicht mehr in den Sternen? Apropos Folk, da fällt
mir ein, was ich vergaß zu erwähnen, das ich selbstverständlich
zu jeder Veranstaltung ganz herzlich eingeladen sei, ob ich nun einen
Artikel darüber verfasse oder nicht, spielt überhaupt keine
Rolle, ich sei immer herzlich willkommen, ließ mich die Vorsitzende
selbigen Klubs wissen, eben an dem Abend, wo die “Avantgarde
der Künstler“ verkehrte und worüber es eine kleine
Meinungsverschiedenheit gab, was, wenn ich jetzt daran denke, teils
amüsant, teils aber dann doch wieder ein wenig traurig war, da
es ja einem Künstler, fast die Tränen in die Augen trieb.
Wie herrlich gleichgültig einem doch alles sein kann, wenn man
verliebt ist, ja, bin ich denn überhaupt verliebt?, ich würde
mal sagen ja, das bin ich und diesmal aber richtig, bis ins Mark.
Zweiundzwanzigstes Kapitel Meine Meinung gefragt0 Das er ausgerechnet
meine Meinung hören wollte, der gute Freund, ob es wohl Sinn
macht, seine ehemals etwas jüngere Geliebte, wieder an sich heranzulassen.
Warum nicht entgegnete ich ihm, solange es ihr ernst ist und sie nicht
wieder mit ihm spielt und ihn tyrannisiert und in der Öffentlichkeit
denunziert. Gut, der Altersunterschied, aber ist und wäre der
nicht in dem Fall noch äußerst human? Und letzten Endes
ist meine Meinung doch nun wirklich nicht von Belangen, Bedeutung,
denn er allein müsse wissen, ob er sich ein zweites Mal auf sie
einlässt und nicht ich. Ich habe im Moment selber genug eigene
kleine Sorgen, die mir auch keiner abnimmt und noch viel weniger meine
Entscheidungen, ob ich sie treffen muss oder nicht, aber abnehmen
tut sie mir niemand Vielleicht einmal
davon abgesehen,
das es gar nicht gilt, irgendwelche Entscheidungen zu fällen
und wenn doch, so bin ich der Ansicht, das sie gemeinsam getroffen
und. entschieden werden sollten und- meine Vermutung scheint sich
zu bestätigen, nämlich dahingehend, das sie nicht anrufen
wird. Einen Teufel werde ich tun und mich bei ihr melden, entweder
meldet sie sich bei mir, ganz gleich wann, oder sie läst es eben
bleiben und wird wissen, weshalb sie mich nicht, wie versprochen anrief.
Ich träume ja noch immer davon, das sie plötzlich und völlig
unerwartet, bei mir klingelt und somit vor meiner Türe steht,
mitten in der Nacht, doch auch das wird nicht geschehen und man muss
schon, wer weiß wie blind sein, um daran zu glauben. Ich muss
mich schwer hüten, ihr komisches Verhalten nicht darauf zurückzuführen,
das sie sich einmal in psychologische Behandlung begeben musste, weil
sie einmal ein Irrsinniger so belästigt hat, das ihr die Nerven
durchgingen und sie diese Hilfe in Anspruch nahm, nehmen musste. Ihr
jedenfalls schein, das die Hochzeit bereits wieder vorbei ist, denn
sie ist längst nicht mehr so energisch, wie sie es vor Tagen
noch war und von Heirat und was weiß ich nicht noch alles sprach,
was nichts weiter war, als überschwängliches, blödes,
irrsinniges, wahnwitziges Geschwätz war und sonst nicht weiter.
Ach, ein Hauch von Bitterkeit liegt doch schon längst in der
Luft und was es auch ist, weshalb sie nun meint, sich nicht melden
zu müssen und ein paar Stunden hat sie noch die Gelegenheit,
bis ich mich dann auf den Weg zu dieser schaurigschönen Lesung
begeben muss und möchte fast wetten, das sie dann in dieser Zeit
anruft, und mich jedoch nicht von ihr verrückt, ablenken zu lassen,
werde ich mein Telefon daheim lassen. Und ich möchte es fast
rücksichtslos nennen, das sie mich jetzt so ignoriert und vielleicht
geradeso tut, als gäbe es mich nicht, oder bereite schon nicht
mehr, was denkt sie sich nur dabei, ach, falls sie sich jemals überhaupt
etwas dabei gedacht hat. Mich beschleicht fast die Ahnung, dass ich
niemals wieder etwas von ihr höre und ist sie wirklich dazu imstande,
einem Menschen, wie ich es bin, so derartiges anzutun? Ich hätte
es wissen müssen, das es zu nichts weiter führen kann, außer
zu einem entsetzlichen, unerträglichen, niederschmetternden Herzschmerz,
der nicht sie niederdrückt, sondern meine Wenigkeit und ist ihr
Sohn, so dermaßen krank, das sie nicht einmal eine kurze Nachricht
schreiben kann, muss sie beständig an seinem Bette sitzen? Nein,
das glaube ich nun wirklich und wahrhaftig nicht! Kann und will sie
tatsächlich so grausam sein? ist sie es womöglich schon?
Wie seltsam, trotzdem ihr Junge im Krankenhaus liegt, hat sie einen
schönen Abend.
Schön, das sie sich wenigstens über meinen Anruf freute,
ganz gleich, bei was ich sie störte oder nicht — mir wenigstens
kam es so Vor, als störe ich sie gerade in dem Moment bei irgend
etwas. Deshalb wollte ich auch bereits nach wenigen Minuten wieder
auflegen, doch da entgegnete sie mir, das ich sie keinesfalls störe
und. wir sprachen noch einige wenige Minuten miteinander. So, ihr
Junge liegt also im Krankenhaus und sie befand sie gegenwärtig,
bei einer Freundin oder was weiß ich wo, um nicht daheim allein
zu sein und ich möchte wirklich nur hoffen, das sie mich nicht
angelogen hat. Feststeht jedenfalls, das ich mir keinen Horrorfilm
anschauen würde, wenn mein Kind im Krankenhaus liegen würde,
denn entweder wäre ich dort, oder würde mich gegebenenfalls
anderweitig ablenken, oder ablenken lassen, je nachdem, wie schwer
die Erkrankung ist — in dem Fall nur reichlich viel Fieber.
Ferner ließ sie mich wissen, das sie meinen Brief bereits angefangen
hat und auch ihr Junge sich bereits nach meiner Wenigkeit erkundigte,
was wohl angeblich so ausgesehen hat. An wen schreibst du denn da
Mama, muss er neugierig gefragt haben und seine Mutter versuchte dann
wahrscheinlich, ihm ein wenig von mir zu erzählen, wie sie mich
kennen gelernt hat, seinerzeit, wer ich damals für sie und wer
ich heute bin und dann ließ er seine Mutter wohl auch weiterschreiben.
Anstatt sich einen Horrorfilm anzuschauen, hätte sie mir vielleicht
lieber einmal antworten sollen, denn dann hätte ich sie mit meinem
Anruf nicht belästigen zu brauchen. Mich jedenfalls beschlich,
das eigenartige Gefühl, dass sie nicht gerade erfreut meinen
Anruf entgegennahm und sich nicht bei einer Freundin befand, doch
ach, was geht mich denn das eigentlich an? Sie jedenfalls wollte sich
melden, sobald. es wieder ein wenig ruhiger um sie geworden sei und
sie versicherte mir, das alles so bleibt, wie wir es abgemacht haben
und sie sich schnellst möglich wieder melden will0
Dreiundzwanzigstes Kapitel Schaurig—schöner Literaturabend,
Wie immer und selbstverständlich, erschien ich pünktlich
zu dieser musikalischen Lesung. Erst stand ich wartend, wenige, einige
Minuten vor dem Eingang, denn drinnen schien noch nicht sonderlich
viel los zu sein und dem war dann auch so, als ich dann endlich die
Treppen hinauf— stieg. Kaum hatte ich jedoch, das Gelände
betreten, da winkte mir ein junges Fräulein aus ihrem Wagen zu,
worüber ich mich ein wenig wunderte, denn auf den ersten Blick
erkannt ich sie nicht gleich wieder, um wen es sich bei handelte,
so das ich mich verwundert nach ihr
umsah und. erkannte sie schließlich. Natürlich, das junge
Fräulein, die mich unentwegt angestarrt hat und mich dadurch
reichlich nervös gemacht hat, was mir mit meinen Blicken, bei
ihr nicht gelungen ist, oder doch? Jedenfalls sah ich mich noch zweimal
nach ihr um, um auch wirklich sicher zu gehen, ob sie es auch tatsächlich
ist und sie war es wahrhaftig und wahrscheinlich hat sie sich in dem
Moment ein wenig über mich gewundert, das ich mich mindestens
zweimal nach ihr umdrehte. Und doch nur ein freundlicher Gruß,
aus ihrer Welt, den sie noch mit einem Wink bestärkte, deutlich
machte und sonst weiter gar nichts. Drinnen im Gebäude angekommen,
begegnete ich sofort, dem Verantwortlichen des Kultursommers, der
gehofft hat mich bei dieser Veranstaltung zu treffen, um sich bei
mir nach meinem eigenen Projekt zu erkundigen und. ich hatte, ja auch
noch, die ein oder andere Frage, auf die ich dann selbstverständlich
eine Antwort erhielt. O, wie gespannt schon alle sind sagte er und
möchte doch nun auch, so schnell wie möglich alle wichtigen
Informationen bekommen, damit er sie an anderer Stelle vorlegen, vortragen
kann. Nun, am kommenden Dienstag treffe ich mich mit demjenigen und
bekäme erst an diesem besagten Tag, alle erforderlichen, nötigen
Informationen und die Fotos und das alles wird er dann bereits einen
Tag später bekommen. Als das geklärt war, wechselte ich
ein paar Worte mit dem Maler, der vor wenigen Tagen seinem Ärger
gehörig Luft machte. Nein, da habe ich nun wirklich absolut kein
Mitspracherecht, was das Veröffentlichungsdatum meiner geschriebenen
Artikel anbelangt, aber ich denke nächsten Mittwoch müsste
der Artikel spätestens erscheinen und ich war sowohl privat,
ais auch beruflich, im Auftrag unterwegs, den ich mir an Land zog,
denn hätte ich meinen Redakteur nicht danach gefragt, darum gebeten,
so wäre ich nicht erschienen. Nun, was ich bin, nicht weiter
der Rede wert, nur ein erfolgloser Schriftsteller und Fotograf und
ein kleiner freiberuflicher Journalist. mit Erfolglosigkeit und durchaus
schlechten Zeiten, schien er sich bestens auszukennen, die hat er
selbst schon in seinem Leben durchgemacht, durchriebt, bis er zu einem
freischaffenden Künstler wurde und zählte mir, Zeit ihres
Lebens erfolglos gebliebene Künstler auf, wie zum Beispiel: van
Gogh, Paul Celan und noch einen, der mir jedoch nicht geläufig
war, aber höchstwahrscheinlich ein Maler, um den es sich da handelte.
Doch, wir unterhielten uns ganz ausgezeichnet, an— geregt und
ließ mich wissen, das wenn er letztens nicht so aufgebracht,
wütend gewesen wäre, er seinem Ärger noch mehr Luft
gemacht hätte, als er es ohnehin schon tat.
Das war die Gelegenheit ihm zu sagen, das ich mir gerne, die künstlerische
Freiheit herausgenommen hätte, ebenfalls ein paar Worte zu sagen,
mit denen ich mich durchaus nicht gerade beliebt gemacht hätte,
wenigstens nicht bei dieser koketten, abgeschmackten, dekadenten Künstlerin,
deren Kunst, so sagte er mir, nun wirklich nichts avantgardistisches
darstellt und mit der sie sich stellenweise so anbiedert, das man
auch hierüber nur den Kopf schütteln kann. Beliebt oder
Unbeliebt, was kümmert mich das schon und. ich biedere mich nicht
an, niemals und siehe doch da, man empfiehlt mich nachdrücklich,
kommt auf mich zu und blödsinnigerweise nicht umgekehrt. Das
sind Glücksmoment im Leben eines erfolglosen Künstlers,
ganz gleich, ob man sich für meine Schriftarten interessiert,
entscheidet oder nicht, das wiederum steht dann auf einem anderen
Blatt Papier. Einen Platz in der hintersten Reihe, hatte ich mir bereits
gesichert, was wenig später, als die musikalische Lesung begann,
den Geschäftsführer nicht daran hinderte, sich an meinen
Tisch zu setzen. Davor jedoch wurde ich noch, von dem Leiter der Künstlergruppe
im “Irrenhaus“ begrüßt und dem mein Artikel,
über eben diese Ausstellungseröffnung noch nicht vorgelegt
worden ist, warum, das kann ich ihnen nun auch nicht sagen, abgeschickt
habe ich ihn jedenfalls kurz nach dem Erscheinen und schnell hakte
der Geschäftsführer ein, das wenn man interessiert sei,
der Artikel noch einmal von ihm zugesandt werden kann. Ich hatte ja
mit einem Rückruf gerechnet, von demjenigen, der darum bat, den
Artikel zugesendet zu bekommen und das erste Mal bekam ich eine Kritik
zu einem meiner Artikel und zwar von dem für mich, lieben Menschen,
den jedoch nichts weiter daran störte, außer eben dies,
das ich seiner Meinung nach ein wenig oft, die beiden Worte “psychische
Erkrankung“ erwähnte ‚na ja ‚ niemand ist perfekt
und ich ohne fundiertes, journalistisches Wissen, ohnehin nicht! Einen
Unterschied mache ich eigentlich nicht, denn ich schreibe so, was
die Pressemitteilung hergibt und eben so, wie es sich wahrhaftig an
Ort und Stelle zugetragen hat. Was für eine aparte, zierliche
Künstlerin, die mich mit ihren Texten sehr begeistert hat und
an denen ich überhaupt nichts düsteres fand, allenfalls
waren diese melancholisch und mir rissen sie jedenfalls nicht den
Boden unter den Füßen weg, wie in der Vorankündigung
zu lesen war, oder besser gesagt, gewarnt worden ist. Fasziniert hat
mich ihre sehr sensible Stimme und die Liebesgeschichte, die Gefühle
und Empfindungen zweier Frauen füreinander, von denen die eine,
eine Prostituierte war und wie gesagt, mich schockierte die
Geschichte in keinster Weise, wie es vielleicht, bei dem ein oder
anderen der Fall gewesen sein mag und wenn ich mir, gelegentlich tat
ich dies, mir die Gesichter der Hörer betrachtete, so konnte
sich manch einer damit nicht so recht anfreunden. Die Musik dazu war
ebenso melancholisch, passte haargenau zu meinem derzeitigen Befinden,
Gefühlszustandszustand und hatte für mich, schon etwas expressionistisches
und manchmal genauso “grausam—melancholisch“ ‚wie
die Texte, Geschichten, die mich sehr berührten, ja, ich gelegentlich
sogar lächeln musste, über soviel “Grausamkeit“.
Also alles in allem, ein sehr schöner, inspirierender Abend und
wieder einer, der Abende der mir verdeutlichte, das es sehr viel sein
muss, sehr viel geschehen muss, was mich dazu. bewegt, tatsächlich
von hier fortzugehen, jetzt, wo ich mehr und mehr in gewisse, künstlerische
Kreise vorstoße, vorwärts getrieben werde, ohne eigentlich
selber etwas bewegendes hierfür‘ getan zu haben und ich
kann mich deshalb auch immer noch darüber wundern, das man mich
mit Nachdruck für ein geplantes Projekt empfohlen hat. Aber was
heißt hier ich mache nichts, das ist natürlich völliger
Unsinn und wenn ich nur für die Öffentlichkeit in einer
Wochenzeitung schreibe und eben dadurch sich, der ein oder andere,
vielleicht nützliche Kontakt ergibt und ich sozusagen, ziemlich
häufig präsent bin, als Künstler und freiberuflicher
Journalist. Nicht unerwähnt möchte ich lassen, das die Dame
vom “Weinausschank“ auf mich zukam, um mir ein zweites
Glas Wein einzuschenken, was ich sehr reizend von ihr fand und was
ihr natürlich auch von meiner Wenigkeit gesagt werden musste
und mit einer leichten Verbeugung, bekräftigte ich meine Aussage
ihr gegenüber. Und das hat doch auch etwas für sich, wenn
fremde Damen, einem einen Schritt entgegenkommen, sei es auch nur,
um ein Glas wohlschmeckenden Rotweins nachzuschenken, denn die, von
der ich es mir wünschen würde, das sie einen Schritt auf‘
mich zugeht, wird es nicht tun und ich bin wirklich, am ernsthaften
überlegen, ob es nicht gescheiter wäre ‚ sie nicht
zu besuchen, wo ich doch weiß ‚ das wir uns nach den Tagen
meines Aufenthaltes bei ihr trennen werden und das es eine endgültige
Trennung sein wird, von der ich gar nicht wissen möchte, ob und
wie ich diese überlebe.
Vierundzwanzigstes Kapitel Was für eine krankhafte Furcht. Ich
darf gar nicht an den morgigen Vormittag denken und wenn ich es tue,
dann wird mir jetzt schon äußerst komisch, schwindlig und
kann nur hoffen, das die Salbe ihre Wirkung nicht verfehlt, sondern
vollständig entfaltet, damit ich weder den Einstich verspüre,
noch sonst irgend etwas.
Schon jetzt und bei dem Gedanken daran, bekomme ich Schweißausbrüche,
was soll das dann erst morgen werden, denn wenn ich mir die Salbe
auf den Arm gekleistert habe, ist es zu spät und es gibt kein
zurück mehr. Doch ein zurück gebe es schon, ich entferne
einfach wieder alles und gehe einfach nicht hin, woraufhin man mich
wahrscheinlich für einen Waschlappen, oder was weiß ich
halten würde, was mir im Grunde dann auch so ziemlich egal wie,
denn ich habe diese komische Phobie und nicht meine Ärztin, wenn
sie dann also bitte möglichst feinfühlig sein möchte!
Sie weiß doch gar nichts von dem, was ich alles als Kind durchmachen
musste, das ich heute noch immer an dieser Phobie leide und bis vor
kurzem wusste ich nichts davon, das man mir einmal Blut aus dem Kopf
entnahm und vielleicht war das ja, der Auslöser und alle anderen
darauffolgenden Injektionen, die ich schließlich über mich
ergehen lassen musste, denn früher oder später fing man
mich doch ein.
Fünfundzwanzigstes Kapitel weil es Liebe ist“? Nun, was
um alles in der Welt, wollte sie mir damit nur wieder sagen, falls
sie mir damit überhaupt etwas sagen wollte und wenn ja, was?
Ganz sicher nichts tiefgründiges und von Bedeutung, sondern einfach
nur dass, das ihr eben dieses Lied sehr gefällt, ohne das dies
auf irgend etwas zu münzen sei. Oder glaubt sie tatsächlich,
so energisch wie sie ist, das es Liebe ist? ich jedenfalls ahne schreckliches,
was mir bevorsteht und mich erreichen wird und so wie sie gestern
mit mir sprach, möchte ich wetten, meine Hand dafür ins
Feuer legen, das sie mich nicht, wie versprochen anruft und ich werde
auch nichts dergleichen tun. Nein, sie weiß es nicht, kann es
nicht wissen, was sie angerichtet hat. Jedoch und das sage ich mit
Nachdruck, ist sie für rein gar nichts verantwortlich, denn ich
selber ließ es ja alles zu und wehrte mich nicht, gegen meine
Gefühle, doch ich hätte es wissen müssen, das es zu
nichts weiter führt außer Kummer. Ja, und wie abfällig
redete sie gestern überhaupt mit mir?, als sei ich ein Hanswurst
in ihren Augen, der sich zum Narren gemacht hat und sonst nichts weiter
und wer weiß, wie viele Tage noch vergehen werden, bis ich endlich
in meinem Postkasten, einen Brief von ihr vorfinde. Das ist ja ganz
entzückend, das sie wenigstens einen schönen Abend hatte,
trotzdem ihr Sohn im Krankenhaus liegt und ich weiß wirklich
nicht, was ich von alledem halten soll. ist es denn nicht, das Gescheiteste,
besser jetzt lebe wohl zu sagen, bevor es gänzlich hierfür
zu spät ist und sie mich zerbrochen hat? Und ich bin mir ziemlich
sicher, dass sich meine Gefühle in den Tagen bei ihr, noch verstärken
würden
Daraufhin dann von ihr für immer Abschied nehmen zu müssen,
würde mir das Herz brechen und würde mich womöglich
hassen machen, trotz der einzigartigen Tage, die wir miteinander dann
verlebt hätten. Ich jedenfalls weiß nur das eine, das ich
sie aus tiefstem Herzen heraus verehrt habe und sie ebenso geliebt
hätte, lieben würde, womöglich sogar mehr, als mein
eigenes Leben. Nun, ich wusste es ja, prophezeite es ja, das sie nicht
anrufen würde und es ist nicht Liebe auf beiden Seiten, ganz
gewiss nicht.
Sechsundzwanzigstes Kapitel Beim zweiten Besuch. Die Zeit, die ich
auf meine Ärztin warten musste, glich einer halben Ewigkeit und
alle erforderlichen Instrumente für eine Blutentnahme, lagen
bereits ausgebreitet und bereit auf dem kleinen Tischchen, neben der
Liegemöglichkeit ‚ auf der ich ganz sicher auch in wenigen
Augenblicken meinen Platz finden würde, ohne bis dahin zu ahnen,
was mir widerfährt. Also nutzte ich die Gelegenheit dazu, mir
alles genau zu betrachten, vor allem aber die Nadel und musste mich
davon überzeugen, das diese auch ja nicht zu dick sei und mehr
und mehr begann, der Angstschweiß hervorzubrechen und immer
wieder drückte ich das Pflaster, mit der sich darunter befindenden
Salbe fest, das sie auch ja richtig einzog und somit wirkte. Dann
endlich trat sie ein, aber was heißt endlich, denn eigentlich
war ich mental immer noch nicht darauf vorbereitet. So reichte ich
ihr ängstlich meine kaltschweißige Hand, wissend, was ich
gleich über mich ergehen lassen müsse und eigentlich gegen
meinen Willen, wenn ich das mal so sagen darf und so etwas hat sie
sicher so noch nicht erlebt. Ich war so nervös und von furchtbarer
Angst erfüllt, das ich kaum imstande war, ihren einfühlsamen
Anweisungen zu folgen, die da waren: mich ruhig und entspannt auf
den Rücken zu legen und noch war sie dabei, das Pflaster zu entfernen
und der entsetzliche Augenblick rückte immer näher, so das
ich nicht ruhig liegen bleiben konnte, sondern hinsehen musste, was
sie tat. Dann war es soweit, der für mich schreckliche Augenblick,
dem jetzt nicht mehr zu entkommen war und das Lob, welches sie mir
erteilte, das ich allen Mut zusammengenommen habe mir Blut abnehmen
zu. lassen, half mir in dem Moment auch nicht weiter und nahm mir
die krankhafte Furcht erstrecht nicht. Den Einstich spürte ich
tatsächlich nicht, aber dann geschah, das Unfassbare, worauf
ich überhaupt nicht gefasst war, denn es floss kein Tröpfchen
Blut in das Röhrchen, stattdessen zog sich die Ader schlagartig
zurück und ich dachte, als sie mir dies eröffnete, mich
müsse augenblicklich der Schlag treffen, denn das bedeutete ja,
das sie ein zweites mal zustechen müsse, um an mein Blut zu gelangen
und das verursachte nun wirklich einen Schweißausbruch, aller
erster Klasse. Was dann daraufhin geschah, war eben—so unfassbar,
wie rührend, denn nachdem dieser erste Versuch misslungen ist
und meine Hände, jetzt aber richtig mit kaltem Angstschweiß
bedeckt waren, erfasste sie meine rechte Hand und streichelte diese,
ja, ich möchte fast sagen liebevoll, um mich jetzt erstrecht
zu beruhigen und au den zweiten Einstich vorzubereiten, der aber leider
zu meiner Enttäuschung nicht von ihr vorgenommen worden ist,
das erledigte eine der Schwestern, die Beste, wie sie selber sagte,
wolle sie mir schicken, um einen zweiten Anlauf zu wagen. Hier kann
ich es ja sagen, wie seltsam mich dies berührte, tröstete,
als sie meine Hand so mitfühlend streichelte und ich fühlte
mich dabei schon etwas komisch, ja ich schämte mich sogar ein
wenig, das ich so ein Angsthase sei und meine Phobie bis heute nicht
losgeworden bin. In dem Moment kam ich mir wie ein etwas größeres
Kind vor, denn so wie sie mir die Hand streichelte und mich damit
zu beruhigen, trösten versuchte, so hätte sie es wahrscheinlich
auch bei einem kleinen, furchtsamen Kinde getan und doch war ich komischerweise
angetan, von dieser ihrer Berührung, als stünden wir uns
in irgendeiner Form anderweitig nahe, so vertrauensvoll berührte
sie mich und streichelte meine Hand— wie seltsam, das doch alles,
Hatte sie keine Zeit, noch einen zweiten Versuch zu wagen, oder weshalb
gab sie schon nach dem ersten auf und schickte mir eine ihrer Schwestern?
Bei dieser musste ich mich dann selbstverständlich erkundigen,
denn ich wollte nicht, auf gar keinen Fall, das es ihr womöglich
unangenehm ist, denn es war ja schließlich meine Schuld und
nicht ihre, da sich meine Ader vor Furcht zurückzog und glücklicherweise
klappte es beim zweiten Anlauf. So, das hatte ich nun endlich auch
überstanden, blieb noch ein paar Minuten liegen, bis ich dann
wirklich los musste, da ich um zehn Uhr einen Pressetermin hatte und
ich wollte wie immer pünktlich erscheinen. Vor dem Sprechzimmer
begegnete ich ihr dann noch einmal, sie fragte mich, wie es gelaufen
sei, ob es geklappt hätte und als ich bejahte, hob sie zum Zeichen
des guten Gelingen, ihren Daumen in die Höhe und was blieb mir
da noch anderes übrig, als ihr herzlich für ihr Verständnis,
Einfühlungsvermögen zu danken und ihr einen recht schönen,
angenehmen Tag zu wünschen
Siebenundzwanzigstes Kapitel Schwedische Austauschschüler. Ganz
kurz
zu meinem Termin an diesem Montag, nach dem ich die Injektion nun
doch überstanden habe, musste ich mich im sogenannten Stadthaus
einfinden, um dem. Empfang, ausgerichtet selbstverständlich vom
Bürgermeister, der also die schwedischen Schülerinnen und
Schüler ein paar Tage später begrüßte und mehr
als ein Dutzend waren es wohl, die es zu begrüßen galt.
Doch zunächst wurde meine Wenigkeit vorn Bürgermeister begrüßt,
wie so oft schon, also wirklich nichts ungewöhnliches mehr, zu
Anfang war es das noch, als ich mit meiner journalistischen Arbeit
begann und heute kennt man sich, zwar flüchtig, aber man kennt
sich, man kennt mich, heute kennt man sich, zwar flüchtig, aber
man kennt sich, man kennt mich, und weiß, was ich mache. Neben
der Begegnung mit dem Bürgermeister, begegnete ich natürlich
unzähligen Schülerinnen und Schülern und erstere Gruppierung,
mögen es zwei oder drei gewesen sein, tuschelten über mich,
als sie mich mit meinem kleinen Schreibblock erblickten und ich vermute
mal, das sie zu der Feststellung kamen, ich müsse wohl für
eine Zeitung oder ähnliches schreiben und während sie so
tuschelten und rätselten, lächelten sie mir zu und nach
meiner “Zwangsinjektion“, tat mir dies ganz wohl und noch
wohler wäre mir, zumute, wenn sie sich einmal wieder melden würde!
Der Zauber ist verflogen und spätestens jetzt müsste doch
feststehen, das sie im Begriff ist, mich und diese Geschichte zwischen
uns abzuhaken, oder ist es nicht so? Und fürwahr, ich hätte
sie nicht für so durchtrieben rücksichtslos gehalten, aber
sie ist eben anscheinend doch nur ein Weib, wie viele andere ihrer
Art. Wenn jedes einzelne Wort, was sie gesagt oder geschrieben hat,
wahr gewesen wäre, würde sie dann so handeln und mich über
mehrere Tage hin weg, schlicht und einfach ignorieren? — ganz
sicher nicht und somit dürfte ebenfalls feststehen, das es zu
keiner zweiten Begegnung kommen wird. und im Grunde auch nicht kommen
darf, oder doch? ‚wer weiß das schon. Vielleicht erreicht
mich ja ihr Brief doch noch in den nächsten Tagen und bringt
es endlich ans Tageslicht, die Klarheit, das sie mehr als energisch
eine blödsinnige Idee verfolgte, die durchzusetzen sie ohnehin
nicht imstande gewesen wäre, es sei denn sie verspürte tatsächlich,
so etwas wie Liebe. Mir jedenfalls kommt das doch jetzt alles sehr
fragwürdig vor und es war also doch nur eine fixe Idee und ein
reichlich abgeschmacktes Spiel, noch dazu mit meinen Gefühlen,
was mich noch einmal dazu nötigt zu sagen, das es gescheiter
gewesen wäre, sie hätte ihr Telefon vor wenigen Tagen an
die Wand geschleudert, oder ich besser nicht auf ihre Nachricht reagiert,
dann wäre mir so einiges erspart geblieben und nicht nur, die
nervenaufreibende Sehnsucht nach ihr. Nein, das geht mir einfach nicht
aus dem Kopf, wie eine erwachsene Frau.
Jan-Daniel
Carpentier