„Ich
ging am Wasser so für mich hin, und nichts zu suchen, das war
mein Sinn“. Bei Goethe war es zwar der Wald in dem er „so
für sich hinging“. Aber am Kanal ist es eben das Wasser.
Und dann war es auch kein „herzigs Veilchen“, das ich
fand, sondern ein versonnener Jüngling.
Nein, eigentlich sah ich zuerst Mozart. So heißt nämlich
der große Hund des Knaben, den ich da sah. Der junge Mann, begleitet
von Mozart, las. Er las im Gehen. „Kultur am Kanal“ —
sichtbarer kann sie nicht zutage treten! Sicher geführt vom Verlauf
des Deiches achtete er nicht auf den Weg, sondern nur auf seine Lektüre.
Ich fragte ihn, was er denn da so intensiv lese. Und durch Mozart
schon irgendwie musikalisch eingestimmt, war ich nicht überrascht,
als er sagte: „Ein Buch über Brahms.“ Brahms am Kanal!
„Ja“, dachte ich, „das stimmt irgendwie. Die norddeutsch
herbe Romantik der Kanallandschaft und die Musik von Johannes Brahms,
sie passen zueinander.“ Sicher war der 1833 geborene Brahms
nie am Elbe-Lübeck-Kanal gewesen — weil es den damals noch
gar nicht gab. Aber eine Stecknitz-Trave-Fahrt von Lauenburg nach
Lübeck hat er vielleicht mitgemacht. Wanderlust wird ihm jedenfalls
nachgesagt. Und da ist es schon sehr möglich, dass er sich vom
nahen Hamburg aus in das Delvenau-Stecknitz-Trave-Tal aufgemacht hat
und sich dort von der zugleich zurückhaltenden und doch überwältigend
schönen Natur mit ihren Wiesen, Wäldern und Seen hat inspirieren
lassen.
Alle seine musikalischen Werke, gleich ob Symphonien und Kammermusik
oder Chor und Gesang, tragen ja den Charakter des romantischen Realismus
der Norddeutschen eine bei aller damals aufkommenden modernen Kompositionskunst
stets sangbare und liedhafte Musik, so schnörkellos und eingängig
und zugleich so reich an Perspektiven und Horizont wie unsere Landschaft.
Ein Richard Wagner hätte hier nicht hergepasst!
Aber ein junger Kanalanrainer, der auf die Frage „Lieben Sie
Brahms?“ mit tiefer Überzeugung „Ja!“ sagt
— das stimmt!