Lauenburg
ist ein beschauliches Städtchen am Nordufer der Elbe. Über
dem steil aufragenden Geesthang, von wo aus man über den Fluss
weit in das Elbtal blicken kann, residierten einst askanische Herzöge,
die die Salzstraße von Lüneburg nach Lübeck kontrollierten
und den Stecknitz-Kanal ausheben ließen, eine der ersten künstlichen
Wasserstraßen Europas. In der Unterstadt am Flussufer künden
noch heute aufwendig verzierte Fachwerkhäuser vom früheren
Reichtum der Stadt. Eine große Brücke verbindet den südöstlichsten
Zipfel Schleswig-Holsteins mit Niedersachsen, an die Kais verirrt
sich gelegentlich ein Kümo, und vor der Kulisse der Altstadt
strahlt die »Kaiser Wilhelm«, ein antiker Raddampfer,
der sommers Ausflügler stromaufwärts bis Hitzacker und Dömitz
bringt.
Die Straße von der Brücke aus führte durch das Vorwerk
und über den Elbe-Lübeck-Kanal durch den Ostteil der Unterstadt
an Werft und Yachthafen vorbei in einem großen Bogen auf die
B 5. Dickmais wohnte in der Oberstadt, wo Lauenburg nicht mehr ganz
so prächtig glänzte und sich die Bausünden der Sechziger
mit Hartz IV ein Stelldichein gaben. Der schmutzig gelbe dreistöckige
Klinkerkasten, hinter dessen zu klein geratenen Fenstern gerüschte
Gardinen klebten, bestach nicht unbedingt als die Art Domizil, mit
der ehemalige Pharmareferenten angeben. Immerhin lockte vor der Haustür
ein legaler Parkplatz. Einige der Anrainer gingen hier offenbar noch
arbeiten.
Die kniehohe Buchsbaumhecke um den verwahrlosten Vorgarten duftete
streng nach Tierliebe. Es gab sechs Mietparteien. Dickmais' Klingel
war die dritte oben rechts. Auf mein Drücken kam keine Reaktion.
Als ich eben erwog, bei den Nachbarn zu fragen, näherte sich
eine Rentnerin mit frischer Dauerwelle. Sie setzte stöhnend zwei
pralle Lidl-Tüten ab und begann in ihrer Manteltasche mit Schlüsseln
zu klimpern.
»Ich will zu Herrn Dickmais«, erklärte ich. »Scheint
keiner da zu sein. Haben Sie eine Ahnung, ob er verreist ist?«
»Verreist?« Sie hob spöttisch die beiden braunen
Striche, die sie statt Brauen auf der Stirn trug, und beäugte
mich skeptisch. »Hat er Schulden bei Ihnen?«
»Wär mir neu. Ich bin der Freund eines Freundes. Oder denken
Sie, ich sei vom Finanzamt?«
Ihre fleischige Unterlippe wanderte nach vorn. »Nicht wirklich,
aber man weiß ja nie ...« Sie wies mit dem Kinn in die
Richtung, aus der sie gerade gekommen war. »Versuchen Sie's
mal in der ›Melone‹. Da vorn gleich auf der Ecke. Da ist
er sonst immer um diese Zeit.«
Als
ich durch den Windfang trat, waberte mir der säuerliche Dunst
von Rauch, abgestandenem Bier und ranzigem Männerschweiß
entgegen.
Meine Augen brauchten eine Weile, um sich an das Schummerlicht zu
gewöhnen. Aus den Deckenlautsprechern rieselte »Delila«.
Das passte zu dem antiquierten Rotamint, der zwischen Garderobe und
Klo vor sich hingurgelte. Hinter der Theke stand ein kahler Mittfünfziger
und wienerte lustlos Aschenbecher. Über ihm prangten nikotingebeizte
Repros von Winston Churchill und Al Capone. Ein Stück weiter
entdeckte ich Adenauer, Albers und Chaplin. Alle unterm Harthut. Wahrscheinlich
war der Laden eingerichtet worden, als »Mit Schirm, Charme und
Melone« durch die Schwarzweißröhren der Republik
flimmerte und alle Kerle von Diana Rigg träumten. Falls der Schuppen
je bessere Tage gesehen hatte, waren sie lange her.
Ein halbes Dutzend Nachmittagstrinker brütete über Gläsern.
Da ich auf Anhieb niemanden ausmachen konnte, der wie ein ehemaliger
Pillenhöker aussah, orientierte ich mich an der Theke.
»Tach, Chef. Ich suche einen Gernot Dickmais. Soll hier Stammgast
sein.«
Der Glatzkopf knurrte unwirsch. Unter seinen blutunterlaufenen Augen
baumelten massige Tränensäcke. »Bin ich die Auskunft?«
Ich griff in die Brusttasche meines Hemds, zückte zehn Euro,
glättete den Lappen auf dem Schanktisch und schob ihn ihm zu.
Er streifte das Geld mit einem wegwerfenden Blick.
»Wenn du hier nix trinken willst, machste besser 'n Abgang.
Ich hab was gegen neugierige Nasen.«
Da schrappte rechts von mir ein Stuhl.
»Schon gut, Harry.«
Der Mann saß vier Meter weiter alleine am Tisch. Vor sich ein
leeres Schnapsglas und ein drei viertel gelenztes Helles.
»Herr Dickmais?«
Er deutete ein Nicken an. Sein flachsblondes Haar war ausgedünnt,
und das ungesund glänzende Rosa der Gesichtshaut verriet, dass
er den Schnaps häufiger mit Bier runterspülte.
»Was wollen Sie?«
Indessen hatte Harry es sich anders überlegt und fuhr seine feuchte
Tatze aus, um das Pfund einzusacken. Ich schnalzte tadelnd und steckte
das Geld langsam wieder ein. Harry wandte sich grummelnd ab.
»Es geht um Markus Roth«, sagte ich. »Haben Sie
'n paar Minuten Zeit?«
Dickmais zeigte mir sein gelbes Gebiss.
»Seh ich aus, als ob ich dringende Termine hätte?«
Eine
halbe Stunde später saßen wir rauchend vor meinem zweiten
Kaffee und seinem dritten Bier. Auf die Nachricht von Roths Tod hin
hatte er bloß halblaut geflucht, leer gekaut und resigniert
genickt.
»Ich wusste, dass das nicht gut ausgehen würde ...«
»Was?«
»Na, diese ganze Geschichte.«
»Welche Geschichte?«
»Wer sich so einer Lobby entgegenstellt, muss sich warm anziehen.
Das sind Leute mit glänzenden Verbindungen. Ehrenwerte Stützen
der Gesellschaft. Fühlen die sich an den Karren gefahren, sieht
man sehr schnell alt aus. Was meinen Sie, wie viel in großen
Laborpraxen gemauschelt wird? Bei Kardiologen ist es nicht anders.
Die decken sich alle gegenseitig, und die Funktionäre von den
Kassen, die sie kontrollieren sollen, sind entweder ahnungslos oder
gekauft.«
»Geht's etwas konkreter?«
»Nirgendwo in Europa wird so großzügig indiziert
wie bei uns. Nirgendwo ist es leichter, völlig überflüssige,
teure Medikamente auf den Markt zu bringen. Mit Gesundheit hat das
wenig zu tun, sondern nur mit Geschäft. In Wahrheit denken die
sich ständig neue Gebrechen aus, mit denen sie die Versicherten
schröpfen können ...«
Aber außer Allgemeinplätzen über korrupte Mediziner
konnte ich ihm wenig entlocken. Über Roths Privatleben wusste
er so gut wie nichts. Seine Augen badeten in Glimmer, der Mund stand
halb offen, und die Zunge schlurfte.
Ich fragte mich, ob Roth ihm je etwas anvertraut hatte. So, wie es
aussah, hatten die beiden bloß ein Glaskollektiv gebildet und
Weltschmerz getauscht. Da kam er plötzlich auf den toten Patienten
zu sprechen.
»Die Sache muss kurz vor unserer letzten Verabredung passiert
sein. Das hat ihn ziemlich mitgenommen.«
Ich lüftete verständnislos die Brauen. »Welche Sache?«
»Ich denke, Sie haben gerade mit seiner Frau gesprochen«,
grinste er. »Hat sie Ihnen denn nichts davon erzählt?«
»Nein.« Ich fluchte innerlich. »Wann war das?«
»Ungefähr vor drei Monaten. Ein junger Mann, bei dem man
einen Routineeingriff gemacht hatte. Irgendeine harmlose Sache, bei
der normalerweise nichts schief geht. Der Mann landete als Notfall
bei ihm im OP ...« Dickmais lehnte sich zurück und machte
eine dramatische Pause. »Roth legt Ihnen jeden Bypass. Aber
bei 'nem septischen Schock kann auch er nur noch beten.«
»Wie bitte?«
»Der Mann starb an 'ner Blutvergiftung.«
»Langsam.«
»Roth sagte, das sei nicht anders zu erklären, als dass
die Katheter verschmutzt gewesen wären.«
Dickmais leerte das Glas, wischte den Schaum von der Oberlippe und
rief Harry zu, er solle ihm noch ein Helles zapfen. Ich überschlug,
wie viele er sich vorher bereits einverleibt hatte.
»Das heißt, erst der Eingriff hat den Mann umgebracht?«
»So habe ich ihn verstanden.«
»Also waren die Katheter nicht vernünftig sterilisiert?«
Dickmais beugte sich über den Tisch, stieß auf und hüllte
mich in eine süßliche Bierwolke. »Das sind Einwegteile«,
lächelte er. »Die kann man gar nicht sterilisieren.«
Im Zurücksacken drückte er die Zigarette aus, warf die Stirn
in Falten und bleckte die Zähne. »Kapiert?«
Ich nickte blöde.
Roth hatte Steinhausen gesagt, der Abrechnungsschwindel hinge mit
einem »krassen Hygieneskandal« zusammen. Eine tödliche
Sepsis war in der Tat krass. Wieso hatte meine Auftraggeberin davon
nichts erwähnt? Bisher war es der einzige Hinweis, dass ihr Gatte
nicht nur phantasiert hatte.
»Wissen Sie, ob Roth mit Willemsen darüber gesprochen hat?«
»Mit wem?«
»Mit dem Chef des Herzzentrums.«
In dem Moment erschien die Glatze und pflanzte das Blonde auf den
Tisch. Dickmais schlürfte andächtig.
»Das sind doch alles Verbrecher«, verkündete er.
»Wer? Willemsen?«
»Willemsen auch.« Dickmais stellte ächzend das Glas
ab und zuckte resigniert die Achseln. »Die Industrie schmiert
Ärzte, Kassen und Politiker. Da läuft nichts ohne. Was meinen
Sie, warum es noch immer keine Positivliste gibt und Medikamente bei
uns ein Vielfaches kosten wie anderswo in der EU?«
Es drohte wieder grundsätzlich zu werden. Er setzte sich auf
und suchte meinen Blick.
»Weil sie alle korrupt sind ...«
Sein Hemdkragen bettelte um Gallseife. Er war schlecht rasiert und
roch.
»Die Gesundheitsreform ist ein Witz«, nuschelte er. »Pure
Augenwischerei. Weshalb hat der Patentschutz auf pharmazeutische Produkte
so endlos lange Laufzeiten?«
Die rhetorische Frage kam kombiniert mit feuchter Aussprache. Ich
wich zurück, um weiterem Sprühregen zu entgehen.
»Was weiß ich? Weil die Entwicklung so teuer ist? Im Moment
interessiert mich nur Willemsen.«
Dickmais beugte sich vor. »Ha!« Seine flache Hand klatschte
triumphierend auf den Tisch. Mein Kaffee schwappte über. »Wissen
Sie, welche Profitraten die Pharmaunternehmen in den letzten zehn
Jahren durchschnittlich hatten?«
»Nein«, sagte ich. »Aber mein Freund Steinhausen.«
»Wer?«
Anscheinend ließ ihn nun auch das Kurzzeitgedächtnis im
Stich.
»Das ist der Journalist, von dem ich Ihnen erzählt habe.
Der Mann, an den sich Roth gewandt hat.«
Bei der Erwähnung des Toten schwenkte er innerlich um, stierte
ins Bier und wurde gefühlvoll. »Roth hatte noch Ideale«,
erklärte er. »Im Gegensatz zu mir ...«
Was ich bisher über den Chirurg in Erfahrung gebracht hatte,
klang anders, aber ich ließ mich gern belehren.
»Ich bin ein Schwein«, stellte er fest, während sein
Blick zu schwimmen begann. »Ich hab meine Abfindung eingesackt
und die Schnauze gehalten. Obwohl ich wusste, dass das Trimethoprim
entsorgt gehörte.«
»Das was?«
»Trimethoprim-Sulfamethoxazol. Ein Breitband-Antibiotikum. Setzt
man unter anderem bei Typhus ein.« Er rülpste. »Ausgezeichnetes
Mittel. Bloß nicht Jahre nach dem Verfallsdatum. Bohl von der
Interpharma war da anderer Meinung. Für Afrika, sagte er, sei
es noch gut genug. Drei Viertel der Neger stürbe sowieso an Aids.«
Sein herber Lacher endete in einem Schluckauf. Ich spürte, wie
sich meine Nackenhaare regten.
»Bohl?«
»Dr. Oswald Bohl. Das Verkaufsgenie der Interpharma.«
»Wohin gingen die Medikamente?«
Bevor er antwortete, winkte er dem Kahlkopf und deutete auf sein halb
volles Glas.
»Äthiopien, Somalia, Sudan. Das meiste als Hilfslieferungen.«
Einen Moment lang blickte ich wieder durch die verdreckte Windschutzscheibe
des grauen Bedford-Lorrys, der im Konvoi mit drei anderen Lastern
Hilfsgüter aus Port Sudan für Überschwemmungsopfer
in den Süden bringt. Höre das Röhren des überheizten
Motors, rieche Öl, Schweiß und Staub und spüre feinen
Sand zwischen den Zähnen.
Günther hatte die Sache organisiert. In Khartum, bei einem Büro
der UNO. Es sei der direkteste Weg nach Juba. Außerdem könnten
wir so wenigstens was Sinnvolles tun, sagte er. Schließlich
warteten die Kinder auf das Zeug.
Die Fahrt sollte vier Tage dauern und dauerte vierzehn. Unterwegs
krallten wir uns an verrutschende Gepäckstücke, kauten Staub
und gruben bis über die Achsen versackte Räder aus dem Mahlsand.
Hinter Kosti, wo die Bahntrasse aus dem Norden endete, gab es kaum
noch Wegmarkierungen, nur gelegentlich mal ein Fahrzeugwrack und abgeknickte
Telegrafenmasten.
Irgendwann endlich erreichen wir Malakal, stehen im alten Militärkrankenhaus,
einer Ziegelbaracke aus Kolonialtagen – die Fenster aus löchrigem
Fliegendraht, je Raum achtzig Betten, zwei Kinder pro Bett. Ich betrachte
den Kleinen mit dem Greisengesicht. Seine stumpfe Haut schimmert wachsgrau.
Er ist keine drei, aber hat längst alles Leid gesehen, das in
zwei Seelenlöcher passt. Jetzt ist er müde, zu müde,
um die trägen, blauschwarzen Fliegen zu verscheuchen, die überall
auf ihm herumkriechen, seine eitrigen Lider säumen, sich mit
gierigen Rüsseln auf seine großen, wunden Augen tasten.
Der chinesische Arzt neben uns wiegt erschöpft den Kopf.
Sein holpriges Englisch echot durch mein Ohr: »You just come
too late ...«
Hier saß ich nun, zwanzig Jahre später. Dachte an den Jungen.
Und an Günther. Mein Magen krampfte sich zusammen. Noch immer.
Immer wieder.
»Hilfslieferungen?«
»Da wird kaum kontrolliert. Die Nummer ist ganz simpel. Alles,
was man braucht, sind frische Verpackungen. Geht die Sendung in ein
Land, wo eh kein Mensch Deutsch spricht, kann man sich den Stress
sparen. Fällt's trotzdem auf, war's 'n bedauerlicher Irrtum.
Dann haben die Leiharbeiter beim Verladen eben Scheiße gebaut
und die Paletten verwechselt.«
Außer Zementsäcken, Schaufeln, Mischmaschinen, Plastikplanen
und Saatgut hatten sich auf den Ladeflächen der Bedfords auch
Pappkartons mit Medikamenten getürmt. Ich erinnerte mich noch
an die Beschriftung, die in Englisch, Französisch und Arabisch
darauf hinwies, dass das Zeug stets kühl zu lagern sei. Keine
ganz leichte Übung bei vierzig Grad im Schatten. Da half es,
dass auf den Gepäckbergen mindestens dreißig Menschen hockten.
Die schützten das verderbliche Gut wenigstens vor der mörderischen
Sonne. Nach Malakal kamen wir trotzdem zu spät. Ein paar Tage
eher, und die Kinder hätten vielleicht überlebt.
Ich riss mich zusammen.
»Das läuft mit Wissen der Firmenleitung?«
Dickmais streifte sich über seinen schütteren Schopf und
nickte trübsinnig.
»Ich konnte bloß nichts beweisen. Da zog ich die Arschkarte.«
Wieder glitt ein feuchter Film über seine Augen. Noch ein Bier,
und er zerfloss.
»Was hat das alles mit Roth zu tun?«
»Mit Roth?« Sein glasiger Blick wirkte irre. »Nix«,
lachte er, während ihm ein Speichelfaden aus dem Mundwinkel rann.
»Zumindest nicht dass ich wüsste.«