Karl-Heinz
Prätzler war einer der zwei Arbeitskollegen, die meinen Vater,
den Abteilungsleiter, sonntagnachmittags aus rein privaten Gründen
anriefen, um sich zu erleichtern.
Der Andere hieß Affenheinz, jedenfalls glaubte ich es, wenn
er sich mit diesem Namen meldete und nach unserem Daddy verlangte.
Affenheinz brachte den alten Herrn zum Lachen, was diesem sonst nur
höchst selten widerfuhr. Bei den Gesprächen hielt Vater
den Hörer sehr weit vom Kopf entfernt, wobei beim anderen Teilnehmer
leicht der Eindruck entstehen konnte, das Telefon sei undicht oder
weit weg an einem fernen Ort angebracht, zu dem er sonst kaum Zugang
hatte.
Karl-Heinz Prätzlers Anrufe dagegen waren kurz. Dieser stille
Mann, der keine großen Worte machte, wurde mein Vorbild, mein
stummer Gesprächspartner in vielen einsamen Stunden. Das heißt:
Eigentlich habe ich ihn nur zweimal gesehen. Er schwebt aber oft noch
vor meinen Augen wie die Flagge der USA auf meinem inneren Mondkrater.
Vielleicht, weil er anders war als alle anderen, die ich damals kannte.
Er war Single, was es in den Sechzigern nur unter Kindern und Jugendlichen
zu geben schien, jedenfalls dort, wo wir wohnten, aber damals noch
Junggesellendasein hieß. Und wenn meine Eltern über Prätzler
redeten, dann nur mit dem Nachsatz „Na, aber der trinkt doch
wie ein Loch“.
Es war also nicht einfach, ein Befürworter oder Sympathisant
von Karl-Heinz Prätzler zu sein.
Doch als ich achtjährig erfuhr, dass Karl-Heinz in den letzten
Tagen des Zweiten Weltkriegs als kleiner Junge mehrere Tage unter
den Trümmern eines zerbombten Hauses gelegen hatte, konnte mich
niemand davon abbringen, ihn für einen Auserwählten zu halten,
der mir seine eigene Botschaft zu überbringen hatte.
Er war in letzter Minute, kurz vor dem Ersticken, gerettet worden.
Nach jahrelangem Schweigen im Kindesalter meldete er sich in der frühen
Pubertät stimmlich wieder, allerdings nur stotternd. Den Sprachfehler
konnte er auch im Erwachsenenalter nicht gänzlich beseitigen.
Es war der Sommer 1969: Eines Sonntags kündigte sich Prätzler
an. Er wollte meinem Vater etwas vorbeibringen, ein verspätetes
Geburtstagsgeschenk. Bei dieser Gelegenheit, so räumte der alte
Herr ein, könne man doch Prätzlers Mini Cooper 1300 S Probe
fahren. Gesagt, getan. Prätzler lud mich blonden Stumpen ein,
hinten auf der Rückbank des kleinen grauen, schon etwas stumpf
wirkenden Vehikels Platz zu nehmen. Ich lehnte meine Unterarme auf
die schmalen Vordersitzschalen des tief am Boden liegenden Renners
und schnupperte etwas männliche Zivilisation zwischen den beiden
Kollegen. Das hieß: in zweiter Reihe dem Verdampfen der Unterarmnässe
aus den halbärmeligen Herrenhemden beizuwohnen und einen freien
Blick aufs Mitteltacho zu riskieren. Die harte Federung ließ
die Köpfe fliegen. Wir jagten über die Bodenwellen der Landstraßen
zwischen Oststeinbek und Mölln, aßen Eis am Ratzeburger
See und fuhren wieder zurück nach Hamburg. Ein kleines Abenteuer.
Dabei erzählte Prätzler von seinen Urlauben, die er meist
in Norwegen verbrachte. Mit einem Metzler-Schlauchboot, das einen
klappbaren Einlegeboden aus Mahagoni-Holz und einen 15 PS starken
Evinrude-Motor besaß, plus einem Zelt verschwand er für
Wochen an Seen, deren Namen in mir zu mentalen Parkplätzen für
idyllische Illusionen eines anderen Lebens wurden. Als ich vier Jahre
später George Orwells „Coming Up For Air“ las, fühlte
ich mich erinnert an die Selbstversunkenheit dieses Mannes und entwickelte
eine Liebe für Teiche und versteckte Seen. Prätzler angelte.
Manchmal saß er auch am Elbe-Lübeck-Kanal.
Er überreichte meinem Vater das Geschenk. Ein Buch, erschienen
in einem Fach-Verlag für Tierfreunde und Angler, dessen Titel
„Vorwiegend Barsche“ lautete. Der Verleger hatte bei ihm
eine Ausnahme gemacht und seine kurzen Geschichten herausgebracht.
„In einer 1000er-Auflage“, erzählte er bescheiden,
ohne falschen Stolz und Prahlerei, wie das unter angelnden Artgenossen
mit ihrem Teich- und Sumpffieber manchmal üblich war. Dann verabschiedete
er sich.
Meine Mutter schlug das Buch in eine durchsichtige, grüne Folie
ein, die das Laub der auf dem Schwarzweiß-Cover abgebildeten
Bäume, die einen See umwaldeten, einfärbten und „echt“
aussehen ließen. Am Ufer ragten die Blätter ins Nass. Auch
die Bäume tranken. Allerdings Wasser.
Mein Vater las zwei Geschichten und legte den Band ins Regal neben
Fallada, Kästner, Tucholsky und Mutters Bertelsmann- Ausgabe
von Uta Danellas „Und sie tanzte nur einen Sommer“.
„Ja, das ist doch sehr schmal, diese Sprache“, sagte mein
Vater leicht enttäuscht. Er hatte die Kafka-Gesamtausgabe korrigiert,
Arno Schmidt und dreiviertel aller HB-Atlanten.
Ich nahm das Buch zur Hand und wusste, dass es ein Zeichen eines Überlebenden
war. Es ging um Menschen und ihre kleinen Haken. Das konnte mein Vater
nicht verstehen. Dafür hatte er weder Antenne noch Angel.
Carsten
Klook
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Foto:
Carsten Klock
Carsten Klook,
geboren 1959 in Hamburg, schrieb als Kultur-Journalist u.a. für
ZEIT online, Style & The Family Tunes, die Financial Times Deutschland,
die tageszeitung, Kultur & Gespenster, textem.de und viele andere
Medien.
Im Herbst 2007 erschien von ihm "White Trash – Sieben simple
Stories", im Frühling 2007 der Erzählband „TV-Lounge
– In- und Auslandsverbindungen“ im Textem-Verlag. 2005
wurde dort auch der „Korrektor“, ein „verwegener
Experimentalroman“ (Goethe-Institut), veröffentlicht. Das
Label „Gruenrekorder“ brachte die Hörstücke-CD
„Halbe Portion Jubel“ und die Hörspiel-CD „Talk
Slalom“ heraus. 1993 produzierte Radio Bremen Klooks Hörspiel
„Die Reise nach Worpswede“. Klook, der auch als Veranstalter,
Musiker, Drehbuchautor und Zeichner aktiv ist, erhielt 1989 und 1991
Literaturpreise der Hansestadt Hamburg und 2007 das Literatur-Stipendium
des Künstlerhauses Lauenburg an der Elbe.
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