Der Wecker
schrillt, unerbittlich. 5 Uhr 30. Irgendwie gelingt es mir, bei geschlossenen
Augen mit zielsicherem Griff dem Lärm ein Ende zu bereiten. Geweckt
bin ich, aber nicht wach – und trotzdem: Ich richte mich ein
wenig auf, riskiere einen Blick vom Bett aus nach draußen, Richtung
Osten, Rich¬tung Kanal. Er „dampft“, der Kanal. Nebelschwaden
kriechen über die Wasseroberfläche, darüber blauer
Himmel, und Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch die Baumkronen.
Zufrieden sinke ich zurück in die Kissen, um noch ein bisschen
die Stille zu genießen. Der Hund guckt, ziemlich müde noch,
um die Ecke zum Guten-Morgen-Sagen.
Ja, da war doch noch was – ach ja, ich muss aufstehen und ins
Büro nach Hamburg fahren. Es fällt nicht ganz leicht, aber
schließlich läuft alles wie am Schnürchen. Bad –
Frühstück – Verabschiedung vom Hund (er wird später
von lieben Nachbarn abgeholt und, bis ich wiederkomme, bestens versorgt).
Der 15-minütige Weg mit dem Auto zur Regionalbahn nach Hamburg
ist so abwechslungsreich wie schön. Die Straße führt
vom Kanal nach oben ins Dorf. Dann geht es auf und ab durch Dörfer,
Feld und Wald. Nebel, Sonne, Regen, Schnee, Eis – alles ist
drin, je nach Jahreszeit. Und schon morgens freue ich mich auf das
Nachhausekommen am Abend.
Hamburg
ist eine faszinierende Stadt. Als ich ihr zum ersten Mal begegnete,
war ich tief beeindruckt von so viel Offenheit, Freiheit, Großzügigkeit.
Die Alster, der Hafen, die Fleete und Kanäle – die große
weite Welt schien zum Greifen nahe. Mit den Jahren legte sich die
Begeisterung: die dauernde Betriebsamkeit, der Lärm und die Hektik,
die vielen Menschen – und immer wieder neue Inszenierungen,
Events für die Massen – all das stößt mich eher
ab. Das Ideal – eine gute Mischung von Anregung und Ruhe –
bietet das Leben am Kanal, die Kraft für die tägliche Arbeit
in Hamburg beziehe ich aus dem Leben in und mit der Natur am Kanal
und den Menschen dort.
Und langweilig
ist dieses Leben keineswegs. Denn was ist ein Feuerwerk mit Menschenmassen
an der Alster im Vergleich zu einer Vollmondnacht am Kanal? Was ist
der Besuch eines Kreuzfahrtschiffes im Hamburger Hafen im Vergleich
zum Rasten der Kraniche im Frühjahr auf ihrer Durchreise in den
Norden? Was ist die Schlemmermeile am Jungfernstieg im Vergleich zum
Apfel- und Kartoffelfest in unserem Dorf? Was ist denn schon das Stuttgarter
Weinfest auf dem Rathausmarkt im Vergleich zu unserem Weinfest am
Sprüttenhus? Und was ist Hagenbecks Tierpark im Vergleich zu
den Beobachtungen am Kanal, wo Singschwäne nachts ihre Unterhaltung
pflegen, wo Haubentaucher-Mütter ihre Küken auf dem Rücken
über das Wasser tragen, während die Väter sich um die
Nahrung kümmern, wo einem Füchse über den Weg laufen
und Fischadler von Krähen, die Junge haben, in die Flucht geschlagen
werden? Und zu allerletzt – last not least: Was ist die Sozialbehörde
einer Millionenstadt im Vergleich zu einem Netzwerk von Menschen,
die füreinander da sind, wo und wann es nötig ist?
Marianne
Käver