Langsam zogen ovale, ausgefranste
Schönwetterwolken über einen blassblauen Frühsommerhimmel.
Ich war zu Besuch am Kanal und nutzte das milde Frühsommerwetter
für einen Fußmarsch entlang des Wassers in Richtung Stadt.
Etwa auf halber Strecke blieb ich stehen und genoss den Blick von
der Deichkrone in das weite, schöne Land. Hinter mir raschelte
ein leichter Wind in den aufstrebenden Blättern eines Maisfeldes,
das sich bis zum Horizont erstreckte und an einem schattigen Waldrand
endete. Was würde aus diesen schon recht hoch gewachsenen, nahrhaften
Pflanzen werden, nachdem sich im Herbst eine hoch technisierte Erntemaschine
wie ein hungriges Rieseninsekt in das Feld vor gefressen hatte, überlegte
ich. Vielleicht rollten die gelben Körner in bunte Konservendosen
oder würden als Popkorn in einer Kinovorhalle angeboten? Nein,
viel wahrscheinlicher würde alles nach aktuellen Wirtschafts-
und Renditevorgaben zu Biosprit verarbeitet und in einem Motortank
landen!
In der Schule lernten wir, dass Mais bereits vor Jahrtausenden geduldig
und mühevoll aus Wildgräsern gezüchtet wurde, zur Zeit
von Kolumbus aus Mittelamerika nach Europa kam und sich schnell über
alle Kontinente verbreitete. Menschen verdanken bis heute ihr Überleben
dem Mais.
So in Gedanken versunken, mit dem Blick über Kanal und Maisfelder
erinnerte ich mich an ein Maiserlebnis in Ostafrika . Ich sollte da
ein landwirtschaftliches Projekt organisieren und überwachen
– zum Glück keinen kommerziellen Maisanbau in großem
Stil.
Als erstes musste ich eine geeignete Fläche finden. Ich mietete
mir also einen robusten Geländewagen und erkundete, unterstützt
von einem einheimischen Fahrer, die nähere Umgebung. Am Vorabend
hatte sich ein kräftiges Tropengewitter entladen, so dass wir
trotz Allradantrieb nur langsam auf einem rutschigen, kaum erkennbaren
Pfad vorankamen. Links und rechts wuchs dichtes Buschwerk und hohes
Elefantengras, aus dem Schwärme von schwarzen Ibisen und weißen
Kuhreihern aufflogen. Abrupt endete die Piste an einem flachen, völlig
ebenen Acker von der Größe eine halben Fußballfeldes.
Der Fahrer stoppte, ich lehnte mich aus dem Fenster und erkannte in
dem hellen Ackerboden ein Muster von zwei Reihen dunkler Flecken,
die aussahen wie große Spuren. Und dann sah ich eine schlanke,
junge Frau bei der Feldarbeit. Tief gebeugt grub sie mit einer schweren
Hacke Vertiefungen in den Boden, nahm aus einer bunt gemusterten Umhängetasche
ein in der Sonne aufleuchtendes Maiskorn, legte es in die gegrabene
Kuhle und ebnete den feuchten, dunklen Aushub sorgfältig darüber.
Auf ihrem Rücken schaukelte ein Kleinkind, das von einem Tragetuch
gehalten wurde.
Ich wollte gerade den Fahrer auffordern den Wagen zu wenden, als ich
am gegenüber liegenden Feldrand eine graue, gedrungene Gestalt
bemerkte, die langsam aus dem Schatten von Eukalyptus und Schirmakazien
hervortrat und wachsam die arbeitende Frau beobachtete. Vor den dunklen
Hintergrund aus Gras und Büschen war nun deutlich ein kräftiger
Mantelpavian zu erkennen. Eine dichte, silbergraue Mähne hing
von den breiten Schultern. Er wirkte beeindruckend und aggressiv.
Offensichtlich konnte uns das Tier in unserem Schlamm bedeckten Geländewagen
nicht erkennen. Die Pflanzerin arbeitete mit dem Blick in die entgegen
gesetzte Richtung. So kam der der Pavian mit langsamen, leicht schwingenden
Schritt, wie ein Tänzer auf einem Drahtseil auf uns zu und setzte
sich in einer Entfernung von etwa drei Wagenlängen zielstrebig
an eine nächstgelegene dunkle Saatstelle. Mit geschickten Fingern
kratzte er das das gelbe Maiskorn aus dem Boden, wischte es in seinem
Pelz ab und schob es sich genüsslich in den Mund. Mit mahlenden
Kiefern rutschte er methodisch und Kräfte sparend auf seinem
kaminroten Hintern zur nächsten Pflanzstelle.
Regungslos
und gebannt beobachtete ich diese bizarre Situation und verspürte
eine gewisse Sympathie für das durchdachte Vorgehen des Tieres.
Aber dann kam der andere Gedanke: Aus jedem entnommenen Korn wäre
eine Maispflanze gewachsen, von deren Ertrag die junge Frau sich und
ihre Familie zwei oder drei Tage hätte ernähren können.
Am meisten Cash aber hätte der zu „Bio“sprit verarbeitete
Mais gebracht. Meine Gedanken bewegten sich im Dreieck zwischen Affe,
Frau und Motor und landeten bei der Alternative: Mensch oder Motor?
– Wie schön für die Bauern am Elbe-Lübeck-Kanal,
die mit ihren ausufernden Maisfeldern nicht an hungrige Menschen denken
müssen! – Oder?
Ein in tiefem Bass gemurmeltes „Harami!“ neben mir brachte
mich vom Elbe-Lübeck-Kanal zurück nach Afrika. „Harami!“
– Räuber, Dieb! Der Fahrer wusste, was zu tun war. Und
ich wusste, was er jetzt tun wollte. Geräuschlos und grinsend
griff er in die Ablage unter dem Armaturenbrett und holte seine Schleuder
hervor. Ich lehnte mich zurück, damit er freies Schussfeld hat.
Bis zum Äußersten wurden die starken Gummistreifen gespannt,
sorgfältig gezielt, und dann surrte der glatte Stein an meiner
Nasenspitze vorbei in Richtung Maisdieb.

Ein perfekter Treffer!
Der Pavian sprang mit einem gellenden Schrei und gebleckten Reißzähnen
senkrecht in die Höhe und verschwand mit überhasteten Sprüngen
und pausenlosem Gekreische im hohen Gras.
Überrascht von dem ungewohnten Lärm in der ländlichen
Stille (wie am Kanal), richtete sich die arbeitende junge Pflanzerin
auf, streckte sich, schob ihr Kind auf dem Rücken zurecht und
schaute zu uns herüber. Ich winkte, sie nickte und setzte ihre
mühevolle – und für sie hoffnungsvolle – Arbeit
fort.
Und da war ich wieder, zurück am Kanal zwischen Lauenburg und
Lübeck. Es war der gleiche Mais: hier und dort und die gleiche
Hoffnung von Menschen und Tieren, von ihm leben zu können. Und
das wird auch klappen, wenn sie es richtig anstellen und dem „God
of Genesis“ (s. Bild) nicht zu sehr ins Handwerk fuschen. Der
Mais gehört jedenfalls in die Mägen der Menschen, vielleicht
auch in die der Affen, nicht aber in die Tanks der Autos!
Claus Hansen