Von der Lauenburger Schleuse zum Liegeplatz sind es 600 m. Ich stehe
auf dem Vorderschiff der zum Motorschiff umgebauten Schute und schaue
bereits sehnsüchtig auf die vielleicht 12 Schiffe, die da vorne
auf der linken Seite des Kanals liegen. Langsam, viel zu langsam für
mich ungeduldigen Knirps nähern wir uns der Anlegesstelle und
machen längsseits einer umgebauten Panzerfähre fest. Meine
Mutter, die das Schiff vorn vertäut, wirft einen besorgten Blick
zu mir, denn aufgeregt wie immer möchte ich sofort an Land stürzen
und nachschauen, welche Freunde ich zum Spielen treffen kann. Erwartungsvoll
laufe ich entlang des Treidelpfads die Reihe der vor uns liegenden
Schiffe ab und tatsächlich, ich entdecke die Kinder, die im Spiel
vertieft, noch gar nicht gemerkt haben, dass sich ein weiterer Spielkamerad
dazu gesellt.
Glücklich und vollauf beschäftigt mit unseren Spielen –
Schiffchen fahren, Beladen, Löschen , mit dem Ball und vor allem
Laufen, Laufen, Laufen. Wir genießen die Freiheit und die Geselligkeit,
die wir in unserem Leben an Bord doch sehr vermissen, bis zur totalen
Müdigkeit. Es ist Zeit, wieder an Bord zu gehen, zu Essen und
zu Schlafen. Ein schöner Tag geht zu Ende und in der Gewissheit,
dass wir am nächsten Tag unser Spiel am Kanal fortsetzen können,
schlafen wir wohl alle glücklich ein.
Es ist ein bescheidenes Leben, das wir an Bord führen. Eine Kajüte
von 10 m², Kojen, die an den Spanten zu kleben scheinen, Tisch
und Stühle, nicht viel für 3 Personen, meine Eltern und
mich.. Es gibt eine kleine Luke, die zum Laderaum hin öffnet.
Dies ist dann mein Ausgang zum Spielplatz, den ich immer für
mich allein nutzen kann. Doch heute sind wir noch in Lauenburg und
meine Freunde sind da.
Während wir unbekümmert unseren Spielen nachgehen, kümmern
sich die Frauen um den Haushalt, die Wäsche und malen Hin und
Wieder auch am Schiff. Die Männer gehen von morgens 9 bis 12
Uhr und nachmittags ebenfalls eine Stunde zum Appell, so nennt sich
der Raum neben der Gaststätte Hagen am Lauenburger Hafen, gleich
hinter der Werft Heidelmann. Es ist eine Zweigstelle des Schifferbetriebs-Verbandes.
Sie müssen sich dort einfinden, weil hier die Ladungen ausgeboten
werden. Hier wird vom Hamburger Befrachter angerufen, wenn eine Ladung
Kies gefahren werden soll. Die Ladung bekommt, wer an der Reihe ist.
An manchen Tagen gibt es mehrere Ladungen an vielen Tagen aber auch
keine.
Obwohl die Stimmung der Eltern schon etwas gedrückt ist, wenn
es schon mehr als eine Woche dauert, dass wir mit einer Ladung an
der Reihe sind, merken wir Kinder wenig davon, denn der Abhang der
Kanalböschung wird für uns zum Paradies und der ständige
Kontakt miteinander lässt richtige Freundschaften entstehen.
Aber leider, jedes mal wenn ein Schiff abfährt, ist auch ein
Spielkamerad weg.
So ist das Schifferleben eben.
Und dann ist es so weit. Ich sehe mehrere Männer von der Lauenburger
Brücke kommend, auf die Schiffe zu rennen. Mein Vater ist auch
dabei. In größter Eile werden die Kinder und Frauen an
Bord beordert, die Landstege eingeholt, die Motoren angeworfen und
die Leinen losgemacht. Es geht los nach Güster. Wer zuerst kommt,
lädt zuerst, deshalb die Hektik. Während der Fahrt nehme
ich meinen Platz in der Kajüte oder im Laderaum ein bis zum Schleusenvorgang
in Witzeeze. Neugierig stehe ich wieder neben Mutter auf dem Vorschiff,
während Vater das Anlegemanöver fährt. Gleich bei der
Einfahrt in die Schleuse werde ich vom Schleusenwärter begrüßt:“
Hallo Max, wie gehts?“ „Ich heiße Jürgen“,
protestiere ich mit einiger Heftigkeit. Er weiß das natürlich
lange, tut aber so, als habe er es vergessen, denn die Schute heißt
Max und er konnte sich gut vorstellen, dass mein Vater sein Schiff
nach mir
benannt hatte. So geht es mir immer und man kennt mich auf den Schleusen
von Büssau bis Lauenburg.
Man kann an vielen Dörfern am Kanal Kies laden: in Lanze, in
Siebeneichen und dem vielleicht bekanntesten: in Güster. Man
kann es leicht verfehlen, denn zwischen Büchen und Mölln
gibt es links plötzlich ein Loch in der Kanalböschung. Eine
Betonbrücke führt darüber. Biegt man hier ein, ergibt
sich ein kleines Wasserlabyrinth. Mein Vater weiß natürlich
wie er zum „Gummibagger“ oder zum Eimerbagger fahren muss.
Der „Gummibagger“ ist ein Schiffskran mit einem Föderband
mit Gummibelag.
Er ist an einer Sandinsel verankert. Der mit einer Dampfmaschine betriebene
Eimerbagger ist für mich ein riesiges Ungetüm , das sich
zischend, polternd und kreischend unentwegt hinein in das hochgelegene
Land frisst. Mit jeder Schaufel baggert er so den groben Kies und
eine Menge Wasser direkt ins Schiff.
Voll beladen mit 170 Tonnen Kies im Bauch tuckert unsere Schute nun
gen Hamburg. Mit der vollen Leistung von immerhin 5 PS treibt der
kleine Dieselmotor die Schute mit 3 km/h durch den Kanal. Kinder von
Land fragen häufig, warum wir denn so langsam fahren. Natur und
Landschaft genießen, antwortet der Vater regelmäßig.
Was soll er auch sonst sagen. Für mich gibt es nun einen eigenen
Spielplatz mit 3 hohen Kiesbergen, die besteigen, von denen ich herunterrutschen
und die ich umschaufeln kann. Am Löschplatz in Hamburg werden
Trampelpfade von kleinen Füßen von meinen Aktivitäten
zeugen: rauf, runter,rauf, runter.... und es wird wieder einmal heftige
Tränen geben, weil der Greifer beim Entladen des Schiffes eine
kleine Schaufel erfasst und den Stiel zerbrochen hat.
In der Schleuse Lauenburg schickt mich die Mutter zu Koch, dem Einzelhändler
und zu König, dem Bäcker frische Brötchen, Butter und
andere Kleinigkeiten einkaufen. Ich mache diese Gänge natürlich
gerne, weil ich immer etwas Leckeres geschenkt bekomme. Ich muss mich
natürlich beeilen den Berg hoch und zurück, denn der Schleusenvorgang
läuft währenddessen ab. Als ich mit meinen Utensilien zur
Schleuse zurückkomme, liegt mein Schiff nun 2,5 m tiefer als
die Schleusenoberkannte. Wie komme ich jetzt auf's Schiff? Ich habe
Angst. Der Vater kommt mir auf den Eisenstiegen entgegen und hilft
mir nach unten. Dort angekommen, blicke ich an der glatten, vom Algenbewuchs
glitschigen Schleusenmauer nach oben. Etwas unheimlich ist das alles
schon.
Von der Lauenburger Schleuse zum Anlegeplatz für Schiffe sind
es immer noch 600 m. Dazwischen liegt ein Kiesumschlagplatz. Dicke
Dalben sind in den Kanal gerammt worden um den schweren 1500 Tonnen
tragenden Schiffen Halt zu geben. Ich lasse meinen Hund von der Leine.
Er kann nun frei an der Kanalböschung tollen, frei wie ich mich
fühlte, als ich diesen Spielplatz von 57 Jahren für mich
entdeckte.
50 Jahre war ich nicht mehr hier, nun lebe ich in Lauenburg. Der Täter
kehrt immer an den Tatort zurück, denke ich, während ich
meinen Weg Richtung Lanzer Brücke fortsetze und darüber
grübele , ob dies eine Kanalgeschichte ist.
Lauenburg im Juni 2007