Der Kanal verbindet - nicht nur ferne Orte, sondern auch nahe Menschen,
Nachbarn eben.
Da war neulich eine Frau, die auf einer Tour entlang des Kanals ihre
sämtlichen Schlüssel verloren hatte: Autoschlüssel,
Schlüssel von gleich drei Wohnungen, alles war an diesem Schlüsselbund.
Sie und ihr Mann suchten die Strecke ab. – Vergeblich! Nicht
auszudenken, was da an Ärger und Kosten vor ihnen stand: Schlösser
austauschen, Auto sichern etc.. Nachfragen bei Gemeindeämtern,
Fundbüros und Polizei am nächsten Tag ergaben auch nichts.
Eine Nachbarin hörte von dem Pech. Sehr präzise erkundigte
sie sich nach der Route, auf der der Verlust geschehen war. Es war
ein weiter Weg! Aber sie, der das Gehen nicht mehr leicht fällt,
machte sich auf diesen Weg - sie und ihr Dackel. Sie war früher
eine passionierte Waidfrau. Und sie tat das, was die Jäger mit
"Nachsuche" bezeichnen. Da wird der Hund auf die Fährte
des angeschossenen Wildes gesetzt, und das Jägerauge sucht mit.
Es nimmt jeden Fährtenabdruck im Boden wahr, jeden abgebrochenen
Zweig, jeden umgeknickten Grashalm, bis beide, Hund und Jäger,
das "Stück" gefunden haben.
So auch hier. An einer leichten Unregelmäßigkeit im Grase
am Rande des Deiches hat sie die Lage des Schlüsselbundes erkannt,
nicht wahrnehmbar für ein ungeübtes Auge. Aber die Fährtenleserin
sah die leichte Verschiebung der Halme im Grasbüschel und hob
die Schlüssel auf. Nach zweieinhalb Stunden der Suche, die sie
an den Rand der totalen Erschöpfung gebracht hatten, konnte sie
die Schlüssel der glücklichen Besitzerin überreichen.
Was soll man mehr loben:
- den selbstlosen ja, fast selbstmörderischen nachbarschaftlichen
Einsatz?
- das Können des "edlen Waidwerks"?
- oder das menschlich verbindende Fluidum des Kanals?
Wohl alles drei!