Als der Elbe-Lübeck-Kanal anno 1900 eröffnet wurde, galt
er als "technische Meisterleistung zum Wohle der Menschheit",
was sicher auch richtig war und ist. Doch dieser Kanal mitten im Lauenburgischen
ist Lebensraum für ganz unterschiedliche Tierarten - vom Adler
bis zum Biber.
Da quort ein Schwimmvogel
auf dem Elbe-Lübeck-Kanal und taucht ab. "Kultursommer
am Kanal" mit Musik, Wanderungen und Ausstellungen.
Der Haubentaucher plustert sich auf: Gehören wir Tiere etwa
nicht zur Kultur? Sind wir nicht gar Hauptdarsteller, wenn es um
die Natur am Kanal geht?
Immer mit der Ruhe, lieber Haubentaucher; verschluck dich nicht
vor Ärger an deinem etwas zu groß geratenen Fisch. Wir
sorgen schon dafür, dass auch Vögel, Säugetiere und
Fische gebührend gewürdigt werden..
Nicht nur viele Singvögel leben, brüten und singen am
Kanal, der das Lauenburgische von Nord nach Süd durchquert,
und nicht nur der eher ungeliebte Bisam buddelt in der Kanalböschung,
sondern auch recht seltene Vertreter der Tierwelt fühlen sich
im Wasser, auf dem Lande und in der Luft über dem Wasser wohl.
Den Riesenvogel, der mit einer Flügelspannweite von fast 2,50
Metern den Kanal kontrolliert, hat sich der Haubentaucher bestimmt
nicht herbeigesehnt. Der könnte ihm nämlich sehr gefährlich
werden. Der mächtige Seeadler schwebt langsam herab und krallt
sich einen pfundschweren, von einer Schiffsschraube verletzten Aal.
Häufiger als der seltene Seeadler stattet der kleinere Fischadler
dem Kanal einen Besuch ab, um hochstehende Brassen und Rotaugen
zu erbeuten.
Ein besonderes Ereignis war im Bereich des Bergholzer Forstes der
Flug eines Uhus in der Dämmerung. Er suchte die Kanalböschung
ab und erbeutete mit sicherem Griff ein Kaninchen. Von den vielen
Singvögeln am Kanal seien hier zwei gegensätzlicher Art
erwähnt. Die alten Pappeln dienen Hunderten von krächzenden
Krähen als Schlafbäume. Krähen sind wahrlich keine
wohltönenden Sänger. Im Gegensatz dazu ertönt aus
Büschen und kleinen Bäumen am Kanal das liebliche Lied
der Nachtigall.
Und die Säugetiere? Dort, wo sich in Kanalnähe Wälder
ausdehnen, wie am Bergholzer Forst und Grambeker Wald, sind die
Spuren von schwergewichtigen nächtlichen Besuchern nicht zu
übersehen. Uriges Schwarzwild pflügt auf den Wiesen das
Erdreich auf der Suche nach Würmern und Mäusen um. Die
Angler wundern sich über fußballgroße Löcher
am östlichen Kanallauf zwischen Witzeeze und Dalldorf. Wer
hat hier des Nachts gewühlt? Ein Blick durch das Nachtsichtsichtgerät
enttarnte den Wühler als einen Dachs. Grimbart sucht hier Würmer,
Käfer und Mäusenester. Auch der Fischotter ist in den
letzten drei Jahren vereinzelt wieder in der Dämmerung im Kanal
aufgetaucht. Für ihn ist das unruhige Gewässer eine Wasserstrecke,
um zu den anliegenden Seen zu gelangen. Die Schleusen bewältigt
dieser Wassermarder mit einer Umgehung an Land.
Auch ein Exemplar des in der Elbe wieder heimisch gewordenen Bibers
ist im Kanal bei Lanze gesehen worden. Biber umgehen auf der Suche
nach sauberen Bächen mit bewaldeten Ufern die Schleusenanlagen.
Angler schätzen den Kanal als Aalgewässer. Auch Hechte,
Zander, Barsche, Rotaugen, Karpfen und Aalquappen leben im Kanal.
Die Meldung vom Fang eines Lachses ließ aufhorchen, auch als
sich herausstellte, dass es sich dabei um eine Meerforelle gehandelt
hat.
Diese edlen Fische, die wieder in der Elbe vorkommen, versuchen
im Winter vom Kanal aus in saubere Bäche zum Laichen aufzusteigen.
Ihre Wanderung wird jedoch durch Schleusenanlagen gestoppt.
Der Waschbär betätigt sich vereinzelt in Nachschicht als
"Kanalarbeiter". Er stochert in Entwässungsgräben
neben dem Kanal nach Fischen, Krebsen und Mäusen. Auch der
Marder-Hund, im Kanal-Hinterland längst heimisch, wagt sich
zuweilen bis zu den Kanalufern vor. Der Kanaldamm und die Gräben
dahinter locken Steinmarder zur Jagd auf Bisam und Mäuse. Enten
Haubentaucher, Schwäne und Blässhühner beleben das
Gewässer. Hin und wieder fallen auf der Durchreise seltene
Wasservögel ein, apart gezeichnete Prachttaucher und Brandgänse
mit dunkelgrünem Kopf und braunem Brustband. Zum Schluss meldete
sich noch ein hundert Kilogramm schwerer, wohl einmaliger Überraschungsgast:
Im Sommer 1987 entdeckte ich am Schäferbuschsee bei Dalldorf
einen Seehund, der sich dort am sandigen Ufer räkelte. Ich
robbte mich über die Wiese auf fünf Meter heran und stellte
fest, dass der ungewöhnliche Gast auf einem Auge blind war.
Der Seehund schwamm nach kurzer Pause in tieferes Wasser, tauchte
lässig ab und kam mit einem Brassen im Fang wieder an die Oberfläche.
Enten, Haubentaucher und selbst der aggressive Schwan mieden seine
Nähe. Der See hat eine direkte Verbindung zum Kanal. Die nutzte
der Seehund für einen fünftägigen Ausflug in das
relativ ruhige Gewässer. Er fraß Brassen, Rotaugen und
Krebse. So plötzlich wie er aufgetaucht wart, empfahl sich
der graumelierte Gast wieder. Der Seehund erreichte wohlbehalten
die Elbe und steuerte zügig deren Mündung an.
Wilhelm II. weihte am 16 Juni 1900 den Elbe-Lübeck-Kanal ein,
eine "technische Meisterleistung zum Wohle der Menschheit",
wie es damals hieß. Die Tierwelt wollte teilhaben an der neuen
Wasserstraße und eroberte sich Nischen, Rastplätze und
neue Lebensräume.
Mit Genehmigung des Autors
Georg Peinemann, aus den Lübecker Nachrichten, 11./12. Juni
2006.