Die Einwohner
des Blockhausdorfes am Lanzer See staunten nicht schlecht, als eines
Morgens eine beachtliche Zahl von Polizisten mit schwerem Gerät
auftauchte und mit schwerem Räumgerät ein benachbartes Grundstück
umpflügte. Da diese Behörde für derlei Dienstleistungen
bisher nicht bekannt war, bestand große Verwirrung.
Kurz zuvor, hatten zu fortgeschrittener Stunde, eine Reihe schwarzer
BMW-Limousinen das Basedower Spritzenhaus besucht, in welchem bereits
seit einigen Stunden die Nachbesprechung einer Feuerwehrübung
stattfand. Die Gäste stellten sich den überraschten Feuerwehrmännern
als Kriminalpolizisten vor und baten die Kameraden um Amtshilfe. Sie
sollten in der Telefonzelle an der Kanalbrücke mittels eines
Bolzenschneiders den Telefonhörer samt Kabel abschneiden, um
diesen als Beweismittel zu sichern. Ein bei der Post beschäftigter
Feuerwehrkamerad verstand die Welt nicht mehr und protestierte aufs
äußerste gegen diese Form der Sachbeschädigung. Damit
war der sicherlich ungewöhnlichste Einsatz der Wehr seit ihrer
Gründung in vollem Gange. Der Hörer sollte, wie sich später
herausstellte, als Beweismittel in einem spektakulären Entführungsfall
sichergestellt werden.
Die Geschichte beginnt für die Öffentlichkeit in der Nacht
zum 14.9.1991. Die als entführt gemeldete Christa S. (61) aus
Hamburg taucht plötzlich und unerwartet bei der Polizei auf und
berichtet von abenteuerlichen Erlebnissen. Die Hamburger Polizei war
bereits seit Tagen mit dem Entführungsfall befasst, auf ein derart
unspektakuläres Ende des Falles war sie allerdings kaum vorbereitet.
Christa S. konnte offenbar Ihrem Entführer entkommen und wurde
nun vorsichtshalber erst einmal von der Polizei medizinisch untersucht
. Dabei zeigte sie sich in einem erstaunlich guten Zustand, frei von
körperlichen Verletzungen. Ihre psychische Verfassung war jedoch
sehr labil. Einerseits schien sie müde und abgespannt, dann wieder
war sie ruhig und voll konzentriert. In diesen Phasen gewann die Polizei
konkrete Einblicke in den Entführungsfall.
Christa S. konnte während der ersten Vernehmung detaillierte
Angaben zur Person des Entführers machen. Sie beschrieb darüber
hinaus ihren Kerker. Während der Gefangenschaft gelang es ihr
sogar, die Marke sowie die Seriennummer der Handschellen im Inneren
ihres Mieders zu vermerken. Diese Informationen führten zwangsläufig
zur schnellen Festnahme des in Basedow wohlbekannten Kürschners
Lutz R. (43) aus Hamburg-Rahlstedt, der nach seiner Ergreifung, schnell
ein Teilge¬ständnis ablegte. Auf die Frage, warum er die
Entführung beendete, antwortete der Täter, seine Frau sei
überraschend aus dem Urlaub zurückgekehrt.
Am 26.5.1992 fällte das Landgericht Hamburg gegen den Angeklagten
Lutz R. ein ausgesprochen mildes Urteil. Seine Vorgeschichte als Arbeitsloser,
dem es nicht gelang, beruflich wieder festen Fuß zu fassen,
seine Astrologiegläubigkeit sowie die Annahme, es handle sich
um einen reuigen Ersttäter, wurden ihm unter anderem zu Gute
gehalten. Man wollte ihn nicht seiner „bürgerlichen Existenz“
berauben.
Am Rande des Gerichtsverfahrens wurde in einer Verhandlungspause,
die mit dem Fall betraute Kriminalbeamtin Z. auf einen anderen Vermisstenfall
angesprochen. Frau R., die Mutter der seit 1988 vermissten Annegret
B. (31), wies die Kommissarin auf diverse Parallelen des aktuellen
Falls mit zwei weiteren Fällen aus den Jahren 1986 und 1988 hin.
1986 war Hildegard K., die erste Ehefrau des damaligen Arbeitgebers
(61) von Lutz R. spurlos verschwunden, seit 1988 gab es kein Lebenszeichen
mehr von Annegret B.(31). Beide waren mit Lutz R. gut bekannt.
Die Kommissarin nahm diese Hinweise sorgfältig auf und ging den
Spuren nach. Sie beschaffte sich die Akten der vermissten Personen
und wurde in Sachen Hildegard K. im Landeskriminalamt fündig.
Die Unterlagen zum Vermisstenfall Annegret B. fand sie beim Amtsgericht
Wandsbek. Da die Akten in unterschiedlichen Behörden lagen, wurde
noch niemand bei der Polizei auf die Ähnlichkeiten in den drei
Fälle aufmerksam.
Nach intensivem Aktenstudium bestätigte sich bei der Kriminalbeamtin
ein grausiger Verdacht. Die Fälle müssen den gleichen Täter
haben. Die unübersehbaren Parallelen konnten nicht zufällig
sein.
Kommissarin Z. musste allerdings noch einige Überzeugungsarbeit
leisten, bis die „Sonderkommission Lutz R.“ (SOKO 924)
bei der Hamburger Mordkommission eingerichtet wurde.
Diese Kommission bekam nun alle Hände voll zu tun. Ein Mosaikstein
passte zum nächsten, und Herr R. begann zögerlich die Fahndungserfolge
der Kriminalpolizei zu bestätigen. Da er aber nicht mehr zugab,
als die Polizei ihm ohnehin schon nachgewiesen konnte, begannen die
Ermittler auf den Grundstücken des Angeklagten Erdarbeiten durchzuführen.
Man vermutete, dass er die Personen in einem seiner Häuser gefangen
gehalten, ermordet und dann auf den Grundstücken beseitigt hat.
Und hier kommt nun wieder Basedow ins Spiel. Auf dem Grundstück
am Lanzer See fand sich in 2m Tiefe unter einem Betonsockel ein Kunststofffass,
welches den gefesselten Torso einer Frau, abgetrennte Gliedmaße
sowie einen Kopf enthielt. Wie die Hamburger Gerichtsmedizin nachweisen
konnte, handelte es sich um die weltlichen Überreste von Annegret
B. Die Experten der Rechtsmedizin konnten noch nach Jahren die Identität
der Toten zweifelsfrei nachweisen. 30 Liter 30%-ige Salzsäure
konnten das Opfer nicht beseitigen.
Der Nachweis dieser Taten brachte Herrn R. nunmehr ein angemessenes
Urteil ein. Wegen Mordes in zwei Fällen, versuchten schweren
Raubes in Tateinheit mit Freiheitsberaubung sowie wegen erpresserischen
Menschenraubes wurde er zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe als
Gesamtstrafe verurteilt. Die besondere Schwere seiner Schuld wurde
festgestellt. Nach Verbüßung der Strafe wurde für
ihn Sicherheitsverwahrung angeordnet.
Lutz R war in Basedow ein beliebter Gast auf allen Dorffesten. Er
hatte einen großen Bekanntenkreis, galt als Spaßvogel
auf jeder Party und war durchaus beliebt bei den Nachbarn.
Niemand hätte es auch nur im Traum für möglich gehalten,
was sich in der Zeit von 1986 bis 1988 im beschaulichen Blockhausdorf
abspielte und was sich dann sogar als „Hamburg Thriller“
im Fernsehfilm „Angst hat eine kalte Hand “ niederschlug.
Wie sich heute herausstellt, hat Lutz R. mit seinen Interessen nie
„hinterm Berg gehalten“. So vergrub er die Fässer
bei Tag unter den Augen seiner Nachbarn. Auf Anfrage, was er dort
mache, antwortete er bereitwillig: „Ich vergrabe eine Leiche“.
Im Garten bewegte er sich vorzugsweise nackt, was für die Nachbarschaft
mittlerweile zum gewohnten Bild geworden war, was sie aber nicht zwingend
zum Hinsehen einlud. Auch aus seinen sadomasochistischen Neigungen
und diversen Liebschaften machte er kein Geheimnis. Was auch aus dem
von der SOKO 924 erstellte Soziogramm über Lutz R. und seinem
Umfeld, bestätigt werden konnte, - es füllte eine ganze
Wand.
„Unserem“ Säuremörder waren, trotz zahlreicher
psychologischer Tests, keinerlei seelische Auffälligkeiten nachzuweisen.
„Er ist geistig kerngesund“, sagte Professor Püschel
über den Delinquenten. „Er versteht es, seine Interessen
zu vertreten“.
Dass die Anwohner absolut keinen Argwohn gegen Lutz R. hatten, zeigte
sich auch daran, dass man gemeinsam mit ihm in den Urlaub fuhr und
die Nachbarskinder bei ihm übernachten ließ. Da er auch
einen florierenden Schwarzhandel mit Pelzmänteln betrieb, ging
er in vielen Häusern ein und aus. Diverse Damen aus Basedow lud
er in sein Urlaubsdomizil nach Costa Rica ein; diesen Einladungen
ging für gewöhnlich ein Gespräch über den Finanzstatus
der Frauen voraus.
Auf Damen mit einem gut gepolsterten Bankkonto hatte er es abgesehen.
Gegenüber unvermögenden Frauen in seiner Nachbarschaft zeigte
er sich bis zur Unhöflichkeit uninteressiert. Hatte er allerdings
einen dicken Fisch an der Angel, dergestalt dass er das Vertrauen
einer vermögenden Dame gewann, lockte er sie in sein Haus, verbrachte
sie in seinen schalldichten Atomschutzkeller, aus dem es kein Entrinnen
gab und presste sie dann finanziell aus wie eine Zitrone. Dabei stellte
er sich durchaus sehr geschickt an. Er ließ seine Opfer Postkarten
ausfüllen und verschickte diese aus unterschiedlichen Teilen
der Welt. Waren die Finanzen erschöpft, galt es die Opfer zu
beseitigen. Dabei unterlag er allerdings dem Trugschluss, die Salzsäure
würde dies für ihn bewerkstelligen.
In Costa Rica hatte Lutz R. ein großes Anwesen, von welchem
er eine mysteriöse Schatzsuche koordinierte. Für diese Vorhaben
benötigte er permanent neue Finanzmittel. Und Skrupel bei der
Beschaffung dieser Mittel kannte er nicht, sein Leitspruch, den auch
in Basedow jeder kannte war:
„Ihr
glaubt ja nicht, wie schwer es ist, an das Geld anderer Leute zu kommen.“